Zweiter Teil: Die Schöpfung der Tiere

Zweiter Teil

Die Schöpfung der Tiere

3.

Darauf schufen sie die Tiere des Waldes,

die Wächter der Wälder und Berge:

Rehe, Löwen, Jaguare, Vögel;

und als Wächter der Lianen schufen sie Schlangen, Nattern und Vipern.

Es sagten sich nämlich die Erzeuger:

»Nichts bewegt sich unter Bäumen und Lianen? Nichts als Schweigen?

Ihre Wärter sollen sie haben.«

Das sagten sie sich,

während sie überlegten und miteinander berieten.

Und sogleich schufen sie das Wild und die Vögel.

Und sie gaben einem jeglichen seine Stätte, dem Wild und den Vögeln.

»Du, Reh, wirst in den Niederungen der Flüsse und in den Schluchten schlafen.

Im Gebüsch wirst du stehen und im Gras. Im Wald wirst du dich fortpflanzen.

Auf vier Beinen wirst du dich aufrecht halten.« Und wie es gesagt wurde, so geschah es.

Darauf wiesen sie den kleinen und großen Vögeln ihre Stätte an.

»Auf den Bäumen und in den Lianen werdet ihr Vögel wohnen, dort werdet ihr eure Nester bauen,

dort werdet ihr euch vermehren, zwischen Zweigen und Lianen werdet ihr aufwachsen.«

So sprachen sie zu Wild und Vogelwelt.

Und diese gehorchten und suchten ihre Stätten und ihre Nester.

So gaben die Erzeuger den Tieren der Erde ihre Wohnstatt.

Und nachdem die Schöpfung der Vierfüßler und der Vögel beendet war,

sprachen

Tzakól und Bitól, sprachen die Erzeuger also:

»Redet, schreit, trillert, ruft!

Redet alle, ein jeglicher nach seiner Art.«

So sprachen sie zum Reh, zu den Vögeln, zu Puma, Jaguar und Schlange.

»Redet doch zu uns, in unsern Namen,

zu eurem Vater, zu eurer Mutter.

Lobet uns! Rufet an Huracán, Chipí-Cakulhá, Raxa-Cakulhá,

das Herz des Himmels, das Herz der Erde,

den Schöpfer, den Former, die Erzeuger.

Sprechet! Rufet uns an! Verehrt uns!«

So sagten sie ihnen.

Aber jene konnten nicht wie Menschen sprechen.

Sie zischten, schrieen und gackerten.

Sie konnten kein Wort formen

und ein jegliches schrie nach seiner Art.

Als der Schöpfer und der Former sahen, daß jene nicht sprechen konnten, sagten sie zueinander:

»Sie können uns nicht bei unserem Namen nennen, uns, ihre Former und Bildner.«

Und die Erzeuger sagten zueinander: »Das ist nicht gut.«

Zu den Tieren sagten sie :

»Wir werden euch ersetzen, da ihr nicht sprechen könnt.

Wir haben unseren Sinn geändert.

Eure Nahrung, euer Gras, eure Lager und Nester sollt ihr haben,

in den Schluchten und Wäldern werdet ihr sie haben.

Ihr waret nicht fähig, uns anzubeten und anzurufen.

Darum werden wir andere schaffen, die uns willig sind.

Das ist fortan euer Schicksal: euer Fleisch wird vertilgt werden.

So sei es. Das sei euer Schicksal.«

So verkündeten sie ihren Willen

den Tieren auf der Erde Antlitz, den kleinen und den großen.

Um ihrem Los zu entrinnen, machten diese einen neuen Versuch

und trachteten die Schöpfer anzubeten.

Aber sie verstanden sich nicht einmal untereinander

und vergeblich waren alle ihre Versuche.

Darum wurde ihr Fleisch geopfert,

und die Tiere auf dem Antlitz der Erde waren fortan verdammt, getötet und gefressen zu werden.
4.

So galt es denn einen neuen Versuch, den Menschen zu schaffen und zu bilden.

Der Schöpfer, der Former und die Erzeuger sagten:

»Auf ein neues! Schon naht die Morgenröte.

Schaffen wir jene, die uns erhalten und ernähren.

Was ist zu tun, daß man uns anrufe und erinnere auf der Erde?

Schon schufen wir unsere ersten Werke, unsere ersten Wesen.

Aber sie konnten uns nicht preisen und verehren.

Laßt uns denn ein Wesen schaffen, das gehorsam sei und ergeben

und uns nährt und erhält.« Also sprachen sie.

Darauf geschah die Schöpfung und Formung.

Aus Erde, aus Lehm machten sie des Menschen Fleisch.

Aber sie sahen, daß es nicht gut war.

Denn es schwand dahin, es war zu weich, es war ohne Bewegung und ohne Kraft,

es fiel um, es war weich,

es bewegte nicht den Kopf, das Haupt hing zu einer Seite,

der Blick war verschleiert, es konnte nicht rückwärts blicken.

Wohl sprach es, aber es hatte keine Vernunft.

Bald weichten es die Wasser auf, und es sank dahin.

Und es sagten der Schöpfer und der Former:

»Es zeigt sich, daß das nicht gehen und sich nicht vermehren kann.

Hierüber müssen wir uns beraten.« So sagten sie.

Dann zerstörten und zerschlugen sie das Werk ihrer Schöpfung.

5.

Und sie sagten darauf:

»Wie können wir unsere Anbeter, unsere Anrufer vollkommener erschaffen?«

So beschlossen sie nach neuer Beratung unter sich:

»Lasset uns sagen zu Ixpiyacóc, Ixmucané, zu Hunahpú-Vuch und Hunahpú-Utiú:

Versucht es noch einmal! Versucht die Schöpfung!«

So sprachen der Schöpfer und der Former

zu Ixpiyacóc und Ixmucané.

So sprachen Tzakól und Bitól zu jenen Zauberern

Tagahne und Dämmerungsahnin,

deren Namen waren Ixpiyacóc und Ixmucané.

Und Huracán und Tepeu und Gucumátz sagten zu den Zauberern,

die die Sonne aufgehen lassen und einschließen:

»Es gilt eine neue Zusammenkunft. Es gilt die Mittel zu finden,

daß der Mensch, den wir formen, der Mensch, den wir schaffen werden, uns erhalte und nähre,

daß er uns anrufe und unserer gedenke.«

»Kommet denn zur Beratung, Ehrwürdige, Ehrwürdiger,

Großmutter, Großvater, ihr, Ixpiyacóc, Ixmucané,

streut Samen, schaffet Licht,

auf daß man uns anrufe, auf daß man uns anbete,

daß der erschaffene, der geformte, daß der sterbliche Mensch unserer gedenke.

Macht, daß es also sei!«

»Offenbart eure Namen: Opossum-Geist, Coyote-Geist,

Doppelmutter, Doppelvater, Großer Eber, Großer Dachs,

Herr der Jade, Silberschmied, Bildhauer, Schnitzer,

Herr der blauen Schale, Herr der Jadeschüssel,

Meister des Weihrauchs, Meister Toltecat, Sonnenahne, Dämmerungsahnin —

so werden eure Werke und Wesen euch rufen.«

»Werfet das Los mit Maiskörnern und Tsité-Bohnen!

Tut das, um zu sehen, ob wir Mund und Augen aus Holz schnitzen sollen.«

So sagten sie den Zauberern.

Es geschah die Wahrsagung, und das Los wurde mit Mais und Tsité geworfen.

»Schicksal! Geschöpf!« riefen dabei der Alte und die Alte.

Der Alte, der das Los mit Tsité-Bohnen warf, war der, welcher Ixpiyacóc heißt.

Die Alte zu seinen Füßen, die Zauberin, die Bildnerin, deren Name ist Ixmucané.

Die Wahrsagung beginnend sagten sie:

»Legt euch zueinander! Sprecht, damit wir hören!

Entscheidet, ob Holz gesammelt werden soll,

damit der Schöpfer und der Former es bearbeiten.

Ob das herauskommt, was uns unterhalten und nähren soll,

wenn es Licht wird, wenn es dämmert.«

»Du, Mais! Du, Tsité! Du, Los! Du, Schöpfung! Du, Feuerschoß! Du, Rageglied!«

So sagten sie zu Mais, Tsité, Los, Schöpfung.

»Sieh schamvoll weg, Herz des Himmels,

um Tepeu und Gucumátz nicht zu kränken.«

Da sprachen die Lose und wahrsagten:

»Eure Gebilde aus Holz werden glücken.

Sie werden reden und sich verstehen auf dem Antlitz der Erde.«
6.

Und sogleich wurden die Wesen aus Holz geschaffen.

Sie glichen dem Menschen, sie sprachen wie Menschen und sie bevölkerten die Erde.

Sie lebten und bevölkerten die Erde,

Söhne und Töchter hatten die Wesen aus Holz.

Aber sie hatten keine Seele, keinen Verstand,

sie erinnerten sich nicht des Schöpfers und Formers.

Ziellos gingen sie herum und auf allen vieren liefen sie.

Weil sie das Herz des Himmels nicht erinnerten,

wurden sie verworfen.

Sie sprachen zwar anfänglich, aber ihr Gesicht war bewegungslos.

Ihre Füße und Hände waren ohne Kraft.

Weder Flüssiges noch Festes war in ihnen, weder Blut noch Fleisch.

Trocken waren ihre Wangen, trocken Fuß und Hand, gelb das Fleisch.

Es war nur ein Entwurf, ein Versuch zum Menschen.

Darum vergaßen sie den Schöpfer und den Former,

die sie geschaffen hatten und umsorgten.

Das waren die ersten Menschen, zahlreich

lebten sie auf der Erde Antlitz.

 

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