Vierter Teil: Die Vollendung der Schöpfung

Vierter Teil
Die Vollendung der Schöpfung

Dies ist der Anfang der Menschwerdung, der Entschluß zur Fleischwerdung.

Es sprachen Urahnin und Urahne, der Schöpfer und Former, jene auch, die sich Tepeu und Gucumatz nannten: „Schon will es Morgen werden. Lasset uns das Werk der Schöpfung schön vollenden. Erscheinen sollen, die uns erhalten und ernähren, die leuchtenden Söhne des Lichts. Es erscheine der Mensch! Belebt sei der Erde Antlitz!“
So sprachen sie.

In Nacht und Dunkelheit kamen sie zusammen und erwogen alles in ihrer Weisheit.
Sie überlegten, suchten, bedachten und besprachen es.
Und dann gelangten sie zur Einsicht.
Sie fanden darin den Lebensstoff.
Die Erleuchtung kam ihnen, woraus des Menschen Fleisch zu schaffen.
Und wenig fehlte, daß Sonne, Mond und Sterne über den Schöpfern und Formen erschienen.

Aus Pan Paxil und Pan Cayala kamen die gelben und weißen Maiskolben
Die Tiere aber, die ihnen den Lebensstoff brachten, waren: die Wildkatze, der Coyote, der Papagei und der Rabe.
Ihrer vier waren die Tiere, die den gelben, den weißen Mais brachten.
Von Pan Paxil kamen sie und zeigten den Weg nach Paxil.

So fanden jene den Lebensstoff.
Aus dem schufen sie, formten sie des Menschen Fleisch.
Wasser war das Blut, in Menschenblut verwandelte es sich.

So ging der Mais durch der Erzeuger Werk in die Schöpfung ein.

Und da erfüllte sie Freude, denn sie hatten ein wunderschönes Land voller Annehmlichkeiten gefunden, mit einem Überfluß an gelbem und weißem Mais, mit einem Überfluß auch von Paxtite und Kakao, voller unzähliger Früchte und voller Honig. Überfluß an köstlicher Nahrung herrschte in jenem Ort, genannt Paxil und Cayali.
Nahrungsmittel aller Art gab es, große und kleine, große Pflanzen und kleine.
Die Tiere zeigten den Weg.
Und indem sie die gelben und die weißen Maiskolben zerrieb, machte Ixmucane neun Getränke. Und dieser Stoff verlieh Kraft und Fülle, und aus ihm schufen sie die Kraft und die Stärke des Menschen.
So taten sie, die genannt werden Alom, Caholom, Tepeu und Gucumatz.

Und sie überlegten weiterhin die Schöpfung und Formung unserer ersten Mutter und unseres ersten Vaters. Aus gelbem und weißem Mais machten sie sein Fleisch. Aus Maisbrei machten sie die Arme und Beine des Menschen. Einzig Maismasse trat in das Fleisch unserer Ahnen, der vier Menschen, die geschaffen wurden.

Dies sind die Namen der ersten Menschen, die geschaffen und geformt wurden:
Waldjaguar, der erste.
Der zweite Nachtjaguar.
Nachtherr war der dritte.
Und der vierte Mondjaguar.
Dies sind die Namen unserer Ahnen.

Man sagt, daß jene erschaffen und geformt wurden, nicht Mutter hatten sie, nicht Vater, doch nannte man sie Männer. Sie wurden nicht aus einem Weibe geboren, von Schöpfer und Former wurden sie nicht erzeugt, auch nicht von Alom und Caholemi. Nur durch ein Wunder, durch Zauber wurden sie geschaffen und geformt, von Tzakol, Bitol, Alom, Caholom, Tepeu und Gucumatz.
Und da sie wie Menschen aussehen, waren sie Menschen.
Sie sprachen, unterhielten sich, sahen und hörten, liefen und ergriffen Dinge.
Es waren gute und schöne Menschen und ihr Körper war der des Mannes.

Vernunft war ihnen gegeben.
Sie schauten und sogleich sahen sie in die Ferne; sie erreichten, alles zu sehen, alles zu kennen, was es in der Welt gibt.
Wenn sie schauten, sahen sie sogleich alles mit Umkreis und ringsherum sahen sie die Kuppel des Himmels und das Innere der Erde.
Alle fernverborgenen Dinge sahen sie, ohne sich zu bewegen.
Sofort sahen sie die ganze Welt, und sie sahen diese von dort, wo sie standen.

Groß war ihre Weisheit.
Ihr Auge reichte bis zu den Wäldern, den Felsen, den Lagunen, den Meeren, den Bergen und den Tälern.
Wunderbare Menschen waren sie in Wahrheit: der Waldjaguar und der Nachtjaguar, der Nachtherr und der Mondjaguar.

Darauf fragte sie der Schöpfer und Former: „Wie dünkt euch euer Dasein? Seht ihr nicht? Hört ihr nicht? Sind eure Sprache und euer Gang nicht gut? Schauet denn! Betrachtet die Welt! Sehet, ob die Berge und die Täler erscheinen! Versucht denn zu sehen!“
Also sprachen sie.
Und sogleich sahen jene alles, was es in der Welt gab. Und sie dankten darauf dem Schöpfer und Former.

„Wahrlich, wir danken euch, zweimal, dreimal. Erschaffen wurden wir, einen Mund hat man uns gegeben und ein Gesicht. Wir sprechen, denken, gehen. Vorzüglich erscheint uns alles, und wir kennen alles, sei es ferne oder nahe. Und was groß ist oder klein am Himmel oder auf Erden – wir sehen es. ja, wir danken euch, daß ihr uns schufet, dir Schöpfer, dir Former; daß ihr uns das Dasein gegeben habt, Großmutter, Großvater unser!“ So sagten sie, dankend für die Schöpfung und Formung.

Bald kannten sie alles.
Und sie erforschten die vier Windrichtungen und die vier Himmelsrichtungen und das Antlitz der Erde.

Aber die Schöpfer und Former hörten das nicht gerne.
„Es ist nicht gut, was unsere Geschöpfe, unsere Werke sagen. Alles wissen sie, das Große und das Kleine.“
Also sprachen sie.

Und sie hielten neuerlich Rat mit den Erzeugern. „Was sollen wir jetzt mit jenen tun?“ „Daß sie nur das Nahe sehen, nur ein wenig vom Antlitz der Erde.“
„Deren Rede ist nicht gut. Sind sie nicht, wie sie sind, bloße Geschöpfe und Machwerke? Sollen sie gleichfalls Götter sein? Und wenn sie nicht zeugen und sich nicht vermehren, wenn es dämmen, wenn die Sonne aufsteigt? Was, wenn sie sich nicht vermehren?“
So sprachen sie.

„Unterdrücken wir ein wenig ihre Wünsche, denn was wir sehen, ist nicht gut. Sollen sie am Ende uns gleich sein, die wir sie schufen, und die wir in weite Ferne sehen, alles wissen und alles sehen?“
So sprach des Himmels Herz Huracan, Chipi-Cakulha, Raxa-Cakulha, Tepeu, Gucumatz, Alom, Caholom, Ixpiyacoc, Ixmucane, Tzakol und Bitol.
So sprachen sie und sogleich veränderten sie die Art ihrer Werke und Geschöpfe.

Es warf das Herz des Himmels einen Schleier über ihre Augen. Und die trübten sich, wie wenn ein Hauch über den Spiegel geht. Ihre Augen trübten sich: sie konnten nur noch sehen, was nahe war, nur was klar war.

So wurden zerstört die Weisheit und alle Kenntnisse der vier Menschen des Ursprungs und Anfangs.
So wurden geschaffen und geformt unsere Ahnen, unsere Väter.
Vom Herzen des Himmels, vom Herzen der Erde.

Dann waren auch die Gattinnen da, wurden die Weiber geschaffen.
Gott selbst machte sie mit aller Sorgfalt.
Und so erschienen sie während des Schlafes, die wahrhaft schönen Frauen, an der Seite des Waldjaguars, des Nachtjaguars, an des Nachtherren Seite und neben dem Mondjaguar.
Da waren ihre Frauen, als sie erwachten.
Und ihr Herz füllte sich sogleich mit Freude wegen der Gattinnen.

Hier sind die Namen der Frauen:
Himmelswasser nannte sich die Frau des Waldjaguars.
Brunnenwasser nannte sich die Frau des Nachtjaguars.
Kolibriwasser war die Frau des Nachtherren.
Und Papageienwasser war der Name von Mondjaguars Frau.
Das sind die Namen ihrer Frauen, welche die ersten Herrinnen waren.

Sie erzeugten die Menschen, die kleinen und großen Stämme.
Und sie waren der Ursprung von uns, dein Stamme Quiche.
Zahlreich waren die Priester und die Opferpriester.
Es waren mehr als vier, aber vier waren die Erzeuger unseres Stammes Quiche.

Verschieden waren die Namen von jeglichem, als sie sich dort im Osten vermehrten, und zahlreich waren die Namen der Stämme: Tepeu, Oloman, Coha, Quenech, Ahau.
So nannten sich die Stämme, als sie sich dort im Osten vermehrten.

Auch die Herkunft des Stammes Tamub und des Stammes Ilocab ist bekannte dorther vom Osten kamen sie gemeinsam.

Balam-Quitze, der Waldjaguar, war der Großvater und Vater der neun großen Familien Cavec.
Der Nachtjaguar, Balam-Acab war der Großvater und Vater der neun großen Familien Nimhaib.
Mahucutah der Großvater und Vater der vier großen Familien Ahau-Quiche
Drei Familiengruppen gab es, aber sie vergaßen nicht den Namen ihres Großvaters und Vaters, nicht jene, die sich verbreiteten und vermehrten dort im Osten.
Auch die Tamub und Ilocab trafen ein und dreizehn Unterstämme, die dreizehn von Tecpan.
Und die Rabinales, die Cakchiqueles, die von Tzikinaha.
Und die von Zacahi und von Lamak, Cumatz, Tulhalha, Uchabaha, die von Chumilaha, die von Quibaha, die von Batenaba, Acul-Uinak, Balamiha, die Canchaheles und die Balam-Colab.

Das sind nur die Hauptstämme, die Verzweigungen des Volkes, die wir nennen; nur die wichtigsten erwähnen wir. Viele andere zweigten sich von jedem Stamme ab, aber deren Namen schreiben wir nicht auf; jene vermehrten sich gleichfalls dort im Osten.

Viele Menschen wurden gemacht, und in der Dunkelheit vermehrten sie sich.
Die Sonne war noch nicht geboren und nicht das Licht, als sie sich vermehrten.
Sie lebten alle zusammen, zahlreich waren sie und im Osten gingen sie umher.

Indessen unterhielten und ernährten sie nicht [ihre Götter]. Sie erhoben nur ihr Angesicht zum Himmel und sie wußten nicht, was sie dort in der Ferne tun sollten.
Da waren denn viele dunkle und helle Menschen, Menschen vieler Stände, Menschen mannigfacher Zunge, wunderbar war es, sie zu hören.
Es gibt Geschlechter in der Welt, es gibt Buschvölker, deren Antlitz man nicht sieht. Sie haben keine Häuser, einzeln gehen sie durch die Wälder, alt und jung, wie Narren.
So sagte man verächtlich von den Buschvölkern.

Dort sahen sie der Sonne Aufgang.
Sie hatten eine einzige Sprache.
Nicht Holz noch Stein beteten sie an, und das Wort von Tzakol und Bitol, des Himmels Herz und der Erde Herz erinnerten sie.
So sagt man.
Ungeduldig erwarteten sie die Morgenröte.
Ihre Gebete erhoben sie, die Diener des Wortes, die Liebenden, Gehorsamen, Ehrfürchtigen; ihr Antlitz erhoben sie zum Himmel, Töchter und Söhne erbittend.

„Ihr, Tzakol, Bitol! Seht uns, hört uns! Gib uns nicht auf, verlasse uns nicht, Gott, der du bist im Himmel und auf Erden, Herz des Himmels, Herz der Erde! Gib uns unsere Nachkommenschaft, unsere Nachfolge, solange die Sonne wandert und es Licht ist! Daß es hell werde, daß die Morgenröte erscheine! Gib uns gute, ebene Wege! Gib den Völkern Frieden, vielen Frieden und Glück! Gib uns ein gutes und nützliches Leben! Du, Huracan, Chipi-Cakulha, Raxa-Cakulha, Chipi-Nanauac, Raxa-Nanauac, Falke, Hunahpu, Tepeu, Gucumatz, Alom, Caholom, Ixpiyacoc, Ixmucane, Sonnenahne, Lichtahne! Daß es hell werde, daß die Morgenröte erscheine!“

so sprachen sie, während sie den Aufgang der Sonne, die Morgenröte erwarteten.
Und während sie die Sonne erwarteten, betrachteten sie den Morgenstern, den Großen Stern, ihn, der vorangeht der Sonne, die des Himmels Gewölbe erhellt und das Antlitz der Erde; die erleuchtet die Schritte des Menschen, geschaffen und geformt.

 

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