Fünfter Teil: Die Geburt des Lichts

 

Fünfter Teil

Die Geburt des Lichts

 

Endlich denn dämmerte es.
Und Sonne, Mond und Sterne erschienen.
So wurde es Licht durch Sonne, Mond und Sterne.

Groß war die Freude von Balam-Quitze, Balam-Acab, Mahucutah und Iqui-Balam, als sie den Sonnenträger sahen: schimmernden Antlitzes stieg er vor der Sonne empor.

Da holten sie den Weihrauch hervor, den sie aus dem Osten für diese Stunde mitgebracht hatten.
Die drei Bündel knöpften sie auf, als Weihgabe ihres dankbaren Herzens:
Weihrauch von Mixtan brachte Balam-Quitze,
Weihrauch von Cavistan wurde der von Balam-Acab dargebrachte genannt,
Mahucutah aber bot Götterweihrauch dar.
Alle drei hatten ihren Weihrauch.
Den verbrannten sie und tanzten zum Osten gewendet.
Unter Freudentränen tanzten sie, Weihrauch brennend, den heiligen Weihrauch.
Darauf weinten sie nochmals, da es noch nicht hell wurde, da sie der Sonne Antlitz nicht sahen.

Dann erschien schließlich die Sonne.
Und alle Tiere freuten sich.
Alle, bis zum Geringsten, erhoben sich in den Tälern und Schluchten, auf den Höhen versammelten sie sich, und alle schauten gen Osten.
Da brüllten die Löwen und Jaguare, aber als erster erhob seine Stimme der kleine Papagei, den man Chocoyo nennt.
Wahrlich, alle Tiere freuten sich.
Es breiteten die Adler ihre Flügel aus und der Weißbrust-Bussard, und alle kleinen und großen Vögel.
Tiefe Freude erwärmte die Herzen von Balam-Quitze, Balam-Acab, Mahucutah, Iqui-Balam.

Und es knieten die frommen Verehrer nieder und mit ihnen freuten sich innig die Tamub und Ilocab, die Rabinales, die Cakchiqueles, die Stämme von Tzikinaha und die von Tuhalha, Uchabaha, Quibaha, die aus Batena und der Fürst der Yaqui: alle Stämme, die es heute gibt. Unzählbar waren die Scharen.
Das Morgenlicht fiel auf alle gleichermaßen.

Sogleich trocknete die Sonne der Erde Antlitz. Wie ein Menschenwesen erhob sich die Sonne mit feurigem Angesicht, und sogleich trocknete die Erdenfläche. Vor dem Sonnenaufgang war sie feucht gewesen, sumpfig war die Erde, bevor die Sonne erschien.

Wie ein Mann stieg die Sonne empor und unerträglich war ihre Hitze. So erschien sie in der Schöpfungsstunde.
Heute sehen wir nur ihr Spiegelbild, nicht die Ursonne.
So sagt die Überlieferung.

Und sogleich erstarrten Tohol, Avilix und Hacavitz zu göttlichen Steinbildern.
Auch Löwe, Jaguar, Schlange, Natter und der weiße Waldgeist des Dickichts erstarrten, als Sonne, Mond und Sterne erschienen.
Alles verwandelte sich in Stein.

Vielleicht hätten uns die reißenden Tiere vernichtet: der Löwe, der Jaguar, Schlange und Natter und der Waldschrat. Vielleicht lebten wir heute nicht im Ruhm, wenn die Sonne nicht die ersten Tiere versteinert hätte.

Freude erwärmte das Herz von Balam-Quitze, Balam-Acab, Mahucutah und Iqui-Balam.
Fröhlich waren sie, da es Tag wurde.
Viele waren es nicht, die da verblieben; nur wenige siedelten dort.
Dort fiel das Licht auf sie, dort spendeten sie ihren Weihrauch, dort gedachten sie kummervoll des Ostens, von dannen sie gekommen waren.
Das waren ihre Hügel gewesen, von da waren jene ausgezogen, die sich Balam-Quitze, Balam-Acab, Mahucutah und Iqui-Balam nannten.
Aber hier, auf des Berges Gipfel, vermehrten sie sich, das hier wurde ihre Heimat.
Da waren sie, als Sonne, Mond und Sterne erschienen, als es Licht wurde und das Antlitz der Erde, das Himmelsgewölbe aufleuchtete.
Da sang man zum ersten Male die Lichtklage.

Kummervollen Herzens, traurigen Sinnes sangen sie also:
„Wehe! Wir trennten uns,
Teilten in Tulan uns.
Älterer Bruder mein:
Wo bist du blieben?
Saget, in welchem Tal
Traf euch der Sonne Strahl,
Als der Nebel zerriß?“

Und sie fragen die Opferpriester der Yaquis: „Ist Tohil wahrlich der gleiche, den ihr Zeugeschlange und Federschlange nennt, ihr Männer vom Yaqui-Stamm?“
„jene sind mit uns zusammen von Tula-Höhle aufgebrochen und waren unsere Wegbegleiter, die Yaqui-Brüder, denen das Licht schon in jenem Land geschenkt wurde, das heute Mexico heißt. Auch gab es Fischerleute dort im Osten, die siegreichen Olmecas; bei denen sind wir nicht geblieben.“

So sprachen sie untereinander.

Noch waren sie bekümmert in ihren Herzen, dort auf dem Berge Hacavitz.
Und auch die Tamub und Ilocab waren traurig, dort in dem Wald, der „Stammesbleibe“ hieß, als es Licht wurde über den frommen Opferpriestern und ihrem Gott.

Nur einen Gott – Tohil ist sein Name – hatten die drei Quichestämme.
Auch die Rabinales hatten denselben Gott, nur ein wenig verschieden war der Name des Gottes von Rabinal: Hun Toh wurde er genannt.
Das ist der Grund, warum ihre Sprache dem Quiche so ähnelt.

Es ist aber etwas verschieden die Sprache der Cakchiqueles, denn von Tulan-Höhle hatten sie einen anderen Gott mitgeführt, der „Herr des Fledermaushauses“ und „Große Schlange“ hieß.
Darum unterscheidet sich deren Sprache bis zum heutigen Tag.
Und davon leiteten die Familien „Fledermausherr“ und „Herr des Tanzes“ den ihnen eigenen Namen ab.
Ihres Gottes wegen änderte sich ihre Sprache, als ihnen in Tulan der Gott in Stein gegeben wurde und sie in der Finsternis von Tulan aufbrachen.
Vereinigt waren alle Stämme, als es Licht wurde.
Ihre Namen aber hatten sie ein jeglicher nach seinem Gott.

 

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