Zweite Tafel

[Der Text folgt hier der altbabylonischen Fassung, welche die Begegnung zwischen
Enkidu und der Schamkat anders einordnet. „Schamkat“ ist der babylonische Ausdruck für die Tempeldienerin oder Priesterin der Liebesgöttin und sollte nicht mit „Dirne“ oder „Hure“ übersetzt werden.].

Enkidu saß vor der Schamkat;
Es umschmeichelten einander die beiden.
Die Steppe vergaß nun Enkidu, wo er geboren ward.

Er hörte ihr Wort, stimmte zu ihrer Rede,
Des Weibes Rat fiel in sein Herz.
Ein Gewand zog sie aus:
Ihn bekleidete sie mit dem einen,
Das andere Gewand behielt sie selbst an.
Sie nahm ihn an die Hand, ihn wie ein Gott
Zu führen zu des Hirten Tisch, zur Stätte des Hofes.
Um ihn scharten die Hirten sich.
Aber Enkidu, der im Gebirge daheim ist
Verzehrte auch mit den Gazellen das Gras,

[drei Verse fehlen]

Pflegt‘ er die Milch des Getiers zu saugen.
Sie setzten ihm Speise vor, er sah genau hin,
Er schaut und guckt
Nicht weiß Enkidu Brot zu essen.
Rauschtrank zu trinken ward er nicht gelehrt!
Die Schamkat tat den Mund auf und sprach zu Enkidu:
»Iß das Brot, Enkidu, das gehört zum Leben!
Trink den Rauschtrank, wie‘s Brauch ist im Lande!«
Brot aß Enkidu, bis er gesättigt war,
Trank den Rauschtrank — der Krüge sieben!
Frei ward sein Inneres und heiter,
Es frohlockte sein Herz, und sein Antlitz erstrahlte! —
Mit Wasser wusch er ab seinen haarigen Leib:
Er salbte sich mit Öl und wurde dadurch ein Mensch.
Ein Gewand zog er an, wie die Männer ist er nun.
Seine Waffe nahm er, gegen die Löwen anzugehen;
Es legten sich nachts schlafen die Hirten!
Er erschlug die Wölfe, verjagte die Löwen.
Es ruhten die alten Hüter:
Enkidu ist ihr Wächter,
Der wache Mensch, der eine Mann.

[Lücke von 14 Versen. Enkidu ist mit der Schamkat zusammen:]

Der Wollust ergibt er sich.
Da er aufhob die Augen, erblickt‘ er einen Menschen!
Zur Schamkat sprach er:
»Schamkat, laß den Menschen fortgehen!
Weswegen kam er? Seinen Namen will ich rufen!«
Die Schamkat rief den Menschen an,
Trat zu ihm hin und sprach zu ihm:
»Mann, wohin eilst du? Worum geht dein Mühen?«
Der Mann tat den Mund auf und sprach zu Enkidu:
»Zum Hochzeitshause lud man mich ein.
Das Schicksal der. Leute ist die Erstwahl zur Brautschaft!

[Gilgamesch nahm das jus primae noctis für sich in Anspruch; die Männer in Uruk mussten ihm dann ihre Häuser offen halten. Das „Netz der Leute“ (sh. folgende Verse) trennt den Schlafraum vom Wohnraum ab.]

Auf den Tisch häufte ich die Festspeisen,
Die köstlichen Gerichte des Hochzeitshauses.
Für den König von Uruk-Markt als Erstwerber
Ist geöffnet das Netz der Leute!
Für Gilgamesch, den König von Uruk-Markt, als Erstwerber,
Ist geöffnet das Netz der Leute!
Die, so zu Ehefraun bestimmt sind, beschläft er,
-Er zuvor, danach erst der Ehemann:
Nach göttlichem Rat ist‘s geboten,
Schon als man ihm abschnitt die Nabelschnur, Ward‘s ihm bestimmt. «
Auf des Mannes Wort
Wurde bleich sein Antlitz.

[Lücke von 9 Versen]

Voran geht Enkidu, und die Schamkat ihm nach,
Da er hineingekommen nach Uruk-Markt,
Scharte um ihn sich die Bürgerschaft;
Da er stehn bleibt auf der Straße von Uruk-Markt,
Sind geschart auch die Leute und sprechen von ihm:
»Er gleicht an Gestalt dem Gilgamesch,
Ist jedoch kleiner an Wuchs, aber überaus stark.
Vielleicht,
wo er geboren wurde, aß er die Kräuter des Frühlings,.
Saugte immer wieder ein die Milch des Getiers.
Dauernd fanden in Uruk Opfer statt,
Die Mannen reinigten sich,
Wie schwache Kindlein küssen sie seine Füße:
Hingestellt ist eine Leier für den Mann, dessen Gesicht
gleichmütig ist;
Für Gilgamesch ist wie für einen Gott eine Opfergabe hingestellt..
Der Ischchara ist schon das Lager gerüstet,
Gilgamesch war mit der jungen Frau in der Nacht zusammengekommen.

[Ischchara ist eine Göttin, der Ischtar verwandt. Es ist hier von der „heiligen Hochzeit“ die Rede, die der Stadtfürst von Zeit zu Zeit mit einer Priesterin oder einer noch unberührten Frau als Vertreterin der Göttin feierte, um dem Land die Fruchtbarkeit zu erhalten.]

Als er herankam, trat ein Mann hin auf der Straße,
Versperrte den Weg dem Gilgamesch,

[Lücke von 9 Versen]

Gilgamesch …
Über ihm … zürnt er …
Er machte sich auf und ging auf ihn zu,
Sie stießen zusammen auf dem Markte des Landes.
Enkidu sperrte das Tor mit dem Fuß,
Dal Gilgamesch eintrat, gab er nicht zu.
Da packten sie sich, gingen in die Knie wie Stiere,
Zerschmetterten den Türpfosten, es erbebte die Wand!
Gilgamesch und Enkidu —
Ja, sie packten sich, gingen in die Knie wie Stiere,
Zerschmetterten den Türpfosten, es erbebte die Wand!
Als Gilgamesch ins Knie sank, am Boden den Fuß —
Da verrauchte sein Zorn, er wandte seine Brust.
Sobald er gewandt seine Brust,
Sprach Enkidu zu ihm, zu Gilgamesch:
»Wie so einzig gebar deine Mutter dich,
Des Geheges4 Wildkuh, Rimat-Ninßun!
[Für die jüngere Fassung des Epos war diese Frau die Mutter des Gilgamesch]
Erhöht ist über die Männer dein Haupt,
Dir bestimmte der Leute Königtum Enlil!
Die Fürsten der Welt
überragt deine Kraft..

[Lücke von etwa 10 Versen]

Sie küßten einander und schlossen Freundschaft…

[Gegen Ende der folgenden Textlücke wurde vielleicht berichtet, daß Gilgamesch seiner Mutter Enkidu als Sohn zuführt, indem er von ihm spricht:]

»Der Stärkste im Land ist er, Kraft hat er!
Wie die Feste des Anu gewaltig ist seine Stärke!
Stand hält ihm niemand! Erweis du ihm Gnade!«
Die Mutter des Gilgamesch sprach zu ihrem Sohn,
Rimat-Ninßun sprach zu Gilgamesch:
»Mein Sohn, …
Bitterlich . . . «

[drei Verse fehlen]

[Es scheint, als habe Rimat-Ninßun ihr Befremden üher das noch immer wunderliche Aussehen Enkidus zu erkennen gegeben. Die folgenden Verse aus der altbylonischen und der jüngeren Fassung könnten Gilgamescbs Antwort hierauf bieten:]

»Bitterlich klagt er…
Nicht hat Enkidu Vater und Mutter;
Sein loses Haupthaar wurde niemals geschnitten,
In der Steppe ist er geboren, so erzog ihn niemand.«
Es stand Enkidu da, er vernahm seine Rede,
Seine Augen füllten mit Tränen sich,
Weh ward
ihm zumute, … mühte er sich ab;
Enkidus Augen füllten mit Tränen sich,
Weh ward
ihm zumute, … mühte er sich ab.
Sie faßten einander, zusammen sich setzend,
Die Hände verschrankend wie Liebende
Gilgamesch neigte sein Antlitz herab —
Und sprach zu Enkidu:
»Mein Freund, warum sind gefüllt deine Augen mit Tränen,
Ward weh
dir zumute, mühtest… du dich ab?«
Enkidu tat den Mund auf und ,sprach zu Gilgamesch:
»Die Klagen, mein Freund, machten meinen Nacken starr;
meine Arme sind erschlafft, meine Kraft ward geschwächt.
Gilgamesch tat den Mund auf und sprach zu Enkidu:

[vier Verse fehlen]

»Im Wald wohnt der reckenhafte Chumbaba,
Ich und du, wir wollen ihn töten,
Aus dem Lande
tilgen jegliches Böse!
Laß uns fällen den
Zederbaum !«

[drei Verse fehlen]

Enkidu tat den Mund auf und sprach zu Gilgamesch:.
»Ich erfuhr es, mein Freund, im Steppenland
Da umher ich streift‘ mit dem Wild:
Auf sechzig Doppelstunden liegt unberührt der Wald*
Wer ist‘s, der hinab in sein Inneres steige?
Chumbaba — sein Brüllen ist Sintflut,
Ja, Feuer sein Rachen, sein Hauch der Tod!.

*Statt dessen folgt in der jüngeren Fassung hier:
[Er hört auf 60 Doppelstunden das Rauschen seines Waldes.
Wer wagte da, in seinenWald hinabzusteigen?]

Weswegen begehrtest du, solches zu tun?
Man besteht nicht im Kampf um Chumbabas Wohnsitz.«
Gilgamesch tat seinen Mund auf und sprach zu Enkidu:
»Des Waldes Berg will ich ersteigen.

[ein Vers fehlt]

Zum Wald will ich ziehen, der Wohnstatt Chumbabas,
Eine Axt und ein Schwert sollen mir Helfer sein!
Du bleibe nur hier, ich werde hinziehn.«
Enkidu tat den Mund auf und sprach zu Gilgamesch:
»Wie sollen wir hinziehn … zum Walde der Zeder?
Sein Wächter ist Wer [oder „Werwer“ eine Wettergottgestalt] . . .
Stark ist er und schlummert nimmer.
Chumbaba…, Wer ist mit ihm,
Adad…
Zu bewahren die Zeder hat Enlil ihn
Als Schrecknis bestimmt für die Leute!
Und wer hinab in den Wald steigt—Lähmung packt ihn!«

Gilgamesch tat den Mund auf und sprach zu Enkidu
»Wer, mein Freund, könnte zum Himmel aufsteigen?
Götter nur thronen ewig mit Schamasch;  
Der Menschheit Tage aber, sie sind gezählt,
Eitel Wind ist, was immer sie wirken mag!
Du hier aber scheuest den Tod!
Was ist‘s mit der Kraft deines Heldensinns?
So will ich denn ziehen, dir voran —
Dein Mund mag dann rufen: „Geh ,ran! Sei nicht bang!“
Fiele ich selbst — meinen Namen richtet‘ ich auf:
“Gilgamesch hat wider den reckenhaften Chumbaba den
Kampf gewagt“, wird es heißen.
Du
wurdest geboren und wuchsest auf in der Steppe,
Ein Löwe sprang dich an, du weißt alles!

[fünf Verse fehlen]

Ich will Hand anlegen, die Zeder abhaun,
Einen Namen, der dauert — mir will ich ihn setzen!
Jetzt, mein Freund, will ich zum Waffenschmied mich aufmachen!
Beile soll man gießen vor uns.«

Sie faßten sich an, zu den Schmieden zu eilen:
Da saßen die Meister, pflogen Rats,
Beile, große, gossen sie,
Axte zu drei Talenten gossen sie; [1 Talent = 60 Pfund]
Schwerter, große, gossen sie —Die Klingen zu zwei Talenten,
Die Knijufe zu dreißig Pfund an den Griffen,
Sie brachten Schwerter zu dreißig Pfund, von Gold!
Gilgamesch und Enkidu waren jeder mit zehn Talenten gerüstet!
Die sieben Stadttore von Uruk verriegelte er.
Das Wort hörte sie, die Bürgerschaft scharte sich,
Man gab sich der Freude hin
auf der Straße von Uruk-Markt.
Des Volkes Freude sah Gilgamesch auf der Straße von Uruk-Markt,
Da redete er, indes sich das Volk vor ihm setzte,
Gilgamesch redet‘ zum Volke von Uruk-Markt:

»Ich will ziehen zum reckenhaften Chumhabal
Den Gott, von dem man redet, will ich sehen!
Dessen Namen die Lande im Munde führen —
Den will ich ereilen im Zedernwald!
Daß gar stark der Sproß von Uruk ist,
Will ich hören lassen das Land!
Ich will Hand anlegen, die Zeder abhaun,
Einen Namen, der dauert — mir will ich ihn setzen!«

Die Ältesten von Uruk-Markt sprachen hinwiederum zu Gilgamesch:
»Weil du jung bist, Gilgamesch, trägt dein Herz dich davon:
Du weißt nicht, was immer du tun sollst.
Wie wir hören, sieht Chumbaba gar unheimlich aus —
Wer ist es, der seinen Waffen begegnet?
Auf sechzig Doppelstunden liegt unberührt der Wald —
Wer ist‘s, der hinab in sein Inneres steige?
Chumbaba — sein Brüllen ist Sintflut,
Ja, Feuer sein Rachen, sein Hauch der Tod! —
Weswegen begehrtest du, solches zu tun?
Man besteht nicht im Kampf um Chumbabas Wohnsitz. «
Da Gilgamesch das Wort seiner Ratgeber angehört,
Heftet‘ er lächelnd den Blick auf seinen Freund:
»Jetzt, mein Freund, sage ich s
Mag ich ihn auch fürchten …,

[acht Verse fehlen]

»Dein Schutzgott möge dich bewahren,
Dich den Weg gesund vollenden lassen
Her zum Staden von Uruk-Markt.«
Da Gilgamesch hingekniet, hob er die Hand empor:
»Was sie gesprochen, möge geschehen.
Nun
zieh ich, Schamasch! …
Auch fürderhin mög‘ ich heil am Leben bleiben!
Heim laß mich kehren zum Walle in Frieden!
Breite du über mich deinen Schirm!«
Nun rief Gilgamesch seinen Freund,
Sein Vorzeichen schaute er an mit ihm.

[sechs Verse fehlen]

Aus Gilgameschs Augen rannen die Tränen:
…. einen Weg, den ich nimmer befahren.
Auch kenne ich gar nicht seinen Wandel, o mein Gott!
Soll ich da heil am Leben bleiben,
So will ich dir dienen nach Herzenslust,
Will mich sättigen am Haus in deiner Wonne
Will
dich sitzen lassen auf Thronen.»
Nun brachten die Knechte herbei sein Gewaff:
Große Schwerter, Bogen und Köcher waren es.
… händigten sie ein. Er nahm sich Beile,
Hing um seinen Köcher, den Bogen von Anschan,
An seinen Gürtel legt‘ er das Schwert.
Die Mannen gehn fürbaß,
… bringen sie heran: »Gilgamesch,
Wann wirst du ihn zurückbringen können zur Stadt?«

Das für die 2. Tafel sehr schlecht erhaltene jüngere Epos erzählt einiges etwas anders. Nach einem kürzlich gefundenen Tafelbruchstück antwortet Gilgamesch auf die Warnung der Ältesten, daß er (gegen Chumbaba) ziehen werde und dann nach der Rückkehr in Uruk das Neujahrsfest (des Frühjahrs) feiern wolle. Freudengesange sollen ertönen und »elluri» [»elluri‘«, »jilurt« oder »allari«, »alliri« ist als Ruf bei Festen auch in anderen Tezten bezeugt] solle man immer wieder rufen. Darauf spricht Enkidu zu den Ältesten:
»Sprecht zu ihm, daß er nicht ziehe zum Zedernwald!
Den Weg dahin kann man nicht gehen!»
[Danach Textlücke.]