2. Okkultismus versus okkulte Künste

2. OKKULTISMUS VERSUS OKKULTE KÜNSTE

„Ich hört es oft, doch glaubt es nie bisher, Daß einige für ihre krummen Wege Die Gesetze der Natur durch mächtig Magische Beschwörung beugen können.“ Milton. Die Korrespondenz dieses Monats zeugt von dem starken Eindruck, den der Artikel vom vor Monat „Praktischer Okkultismus“ hervorgerufen hat. Derartige Briefe tragen dazu bei, zwei logische Schlußfolgerungen zu beweisen und zu stärken: a) Es gibt mehr gebildete und denkende Menschen, die an das Vorhandensein von Okkultismus und Magie (zwischen diesen beiden besteht ein großer Unterschied) glauben, als der moderne Materialist sich träumen läßt und b) viele, die daran glauben (einschließlich vieler Theosophen), haben keinen bestimmten Begriff von der Natur des Okkultismus und verwechseln ihn mit den okkulten Wissenschaften im allgemeinen, die „Schwarzkunst“ eingeschlossen. Ihre Vorstellung von den Kräften, die sie dem Menschen verleihen, und von den Mitteln, um sie zu erlangen, sind ebenso verschieden wie phantastisch. Manche bilden sich ein, daß es nur eines Meisters der Kunst bedarf, um ihnen den Weg zu weisen, ein „Zanoni“ zu werden. Andere, daß man sich nur nach Indien zu begeben brauche, um sich zu einem Roger Bacon oder sogar zu einem Grafen St. Germain zu entfalten. Viele machen zu ihrem Ideal Margrave mit seiner sich immer wieder erneuernden Jugend und kümmern sich wenig um die Seele als den Preis, den er für sie bezahlte. Und nicht wenige beschwören, bloße einfache Hexenkunst mit Okkultismus verwechselnd, „saftlose Geister aus Stygischem Dunkel durch die gähnende Erde zu Wanderungen im Licht“ herauf und wollen auf Grund dieses Kunststückes als voll entfaltete Adepten angesehen werden. „Zeremonielle Magie“ nach den von Eliphas Levi spottweise gegebenen Regeln ist ein eingebildetes alter ego der Philosophie der Arhats alter Zeit. Kurz, das Prisma, durch welches der Okkultismus erscheint, ist für diese Unschuldsphilosophen so vielfarbig und vielfältig, wie die menschliche Einbildungskraft er nur machen kann. Werden diese Kandidaten für Weisheit und Macht sehr empört sein, wenn ihnen die nackte Wahrheit gesagt wird, Es ist jetzt nicht nur nützlich, sondern notwendig geworden, die Mehrzahl derselben eines Besseren zu belehren, ehe es zu spät ist. Diese Wahrheit kann in wenigen Worten ausgedrückt werden. Es gibt im Westen unter den eifrigen Hunderten derer, die sich „Okkultisten“ nennen, kaum ein halbes Dutzend, die vom Wesen der Wissenschaft, die sie zu meistern versuchen, auch nur eine annähernd richtige Vorstellung haben. Mit wenigen Ausnahmen befinden sie sich alle auf der Straße zur Zauberei. Mögen sie in dem Chaos, das in ihren Gehirnen herrscht, zuerst etwas Ordnung herstellen, ehe sie gegen diese Behauptung protestieren. Mögen sie zunächst die wahre Beziehung kennenlernen, in der die okkulten Wissenschaften zum Okkultismus stehen, und den Unterschied zwischen den beiden, und erst wütend werden, wenn sie sich dann noch immer im Rechte glauben. Inzwischen mögen sie lernen, daß Okkultismus sich von Magie und anderen geheimen Wissenschaften unterscheidet wie die strahlende Sonne von einem Binsenlicht, wie der unveränderliche und unsterbliche Geist des Menschen – der Widerschein des absoluten, ursachlosen und unerkennbaren Alls – sich von dem sterblichen Staube, dem menschlichen Körper, unterscheidet. Je materialisierter die Sprache in unserem hochzivilisierten Westen wurde, in dem die modernen Sprachen gebildet und in der Folge von Begriffen und Gedanken Worte geprägt worden sind was in jeder Sprache geschah -, um so weniger fühlte man in der kalten Atmosphäre westlicher Selbstsucht und ihrer unaufhörlichen Jagd nach den Gütern dieser Welt eine Notwendigkeit, neue Bezeichnungen zu schaffen, um das auszudrücken, was man stillschweigend als absoluten und überholten „Aberglauben“ ansah. Solche Worte konnten nur Begriffen entsprechen, von denen kaum anzunehmen war, daß ein gebildeter Mensch sie in seinem Geiste beherbergen würde. „Magie“ ein Synonym für Taschenspielerei, „Zauberei“ ein Äquivalent für krasse Unwissenheit und „Okkultismus“, eine traurige Reliquie verrückter, mittelalterlicher FeuerPhilosophen, den Jakob Böhmes und St. Martins, sind Ausdrücke, die man als mehr als genügend betrachtet, um das ganze Feld dieser „Taschenspielerei“ zu decken. Es sind Ausdrücke der Verachtung, die allgemein nur in Beziehung auf den Abfall und Rückstand der dunklen Jahrhunderte und der ihnen vorangegangenen Zeiten des Heidentums angewendet werden. Daher haben wir in den europäischen Sprachen keine Ausdrücke, um mit der Genauigkeit, die in den östlichen Sprachen – besonders im Sanskrit möglich ist, den Unterschied zwischen so abnormen Kräften und den Wissenschaften, die zur Erlangung derselben führen, zu definieren und zu schattieren. Was vermitteln dem Geiste derer, die sie hören oder aussprechen, die Worte „Wunder“ und „Verzauberung“ (Worte, die, so wie sie von den anerkannten Autoritäten erklärt werden, schließlich in ihrer Bedeutung identisch sind, da beide die Idee ausdrücken, daß man Wunderdinge vollführen kann, indem man die Gesetze der Natur bricht). Trotzdem wird ein Christ „das Brechen der Gesetze der Natur“ – während er selbst fest an Wunder glaubt, weil es heißt, daß Moses und Gott solche vollbrachten -, das die Magier des Pharao ausübten, entweder verurteilen oder dem Teufel zuschreiben. Mit diesem letzteren bringen unsere frommen Feinde den Okkultismus in Verbindung, während ihre unfrommen Feinde, die Ungläubigen, über Moses, Magier und Okkultisten lachen und sich schämen würden, solchem „Aberglauben“ auch nur einen ernsten Gedanken zu widmen. Und dies geschieht, weil es keinen Ausdruck gibt, um den Unterschied zu bezeichnen, keine Worte, die Licht und Schatten und die Grenzlinie zwischen dem Erhabenen und Wahren und dem Absurden und Lächerlichen ausdrücken. Letzteres, nämlich absurd und lächerlich, sind die theologischen Darlegungen, die das „Brechen der Gesetze der Natur“ durch Mensch, Gott und Teufel lehren; ersteres sind die wissenschaftlichen „Wunder“ und Zauberwerke des Moses und der Magier in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen, die beide in aller Weisheit der heiligen Tempelstätten – der Akademien der Wissenschaften jener Tage – und im wahren OKKULTISMUS unterrichtet waren. Dieses letztere Wort ist sicherlich irreführend, sowie es da steht, übersetzt aus dem zusammengesetzten Wort Gupta – Vidya, „Geheim-Wissen“. Aber das Wissen wovon? Einige Sanskritausdrücke mögen uns hier helfen. Vier Namen verschiedener Arten esoterischen Wissens oder esoterischer Wissenschaften werden unter vielen anderen selbst in den exoterischen Puranas gegeben. Sie sind: 1. Yajna-Vidya, die Kenntnis von den okkulten Kräften, die in der Natur durch Ausübung gewisser religiöser Zeremonien und Riten er erweckt werden. 2. Mahavidya, das „große Wissen“, die Magie der Kabbalisten und der Tantrika – Gottesdienste, oft Zauberei der schlimmsten Sorte; 3. Guhya-Vidya, die Kenntnis von den mystischen Kräften, die im Ton (Äther) wohnen, daher in den Mantras (gesungenen Gebeten oder Beschwörungen) und von Rhythmus und Melodie, die verwendet werden, abhängig sind; mit anderen Worten, einer magischen Handlung, gegründet auf die Kenntnis der Kräfte der Natur und deren Wechselbeziehung. 4. ATMA-VIDYA, eine Bezeichnung, die einfach als „Wissen der Seele“ übersetzt wird, als wahre Weisheit von den Orientalisten, die aber weit mehr bedeutet. Diese letztere Art von Okkultismus ist die einzige, nach der ein Theosoph, der„Licht auf den Pfad“ bewundert und weise und selbstlos werden möchte, streben sollte. Alles übrige ist irgendein Zweig der „Okkulten Wissenschaften“, d.h. der Künste, die auf der Kenntnis der innersten Essenz aller Dinge in den Reichen der Natur-, der Minerale, Pflanzen und Tiere – begründet sind, daher von Dingen, die dem Reiche der materiellen Natur zugehören, wie unsichtbar diese Essenz auch sein mag und wie sehr sie sich auch bisher dem Griff der Wissenschaft entzogen hat. Alchimie, Astrologie, okkulte Psychologie, Chiromantie existieren in der Natur und die exakten Wissenschaften – vielleicht so genannt, weil sie in diesem Zeitalter der paradoxen Philosophien sich als das Gegenteil davon erwiesen haben – haben bereits nicht wenige der obigen Künste entdeckt. Aber Hellsehen, in Indien als das „Auge Sivas“ symbolisiert, in Japan „unendliche Schau“ genannt, ist nicht Hypnotismus, der illegitime Sohn des Mesmerismus, und kann nicht durch derartige Künste erworben werden. Alle anderen können bemeistert werden und man kann dadurch gute, schlechte oder indifferente Ergebnisse erzielen; aber Atma-Vidya legt wenig Wert auf sie. Es schließt sie alle ein und kann sich ihrer sogar gelegentlich zu heilbringenden Zwecken bedienen, aber erst nachdem es dieselben von ihren Schlacken gereinigt hat, und sorgfältig darauf achtend, ihnen jedes Element selbstischer Motive zu entziehen. Erklären wir es: Jeder Mensch kann beginnen, eine oder alle von den oben aufgezählten „Okkulten Künsten“ zu studieren, ohne irgendwelche große vorhergehende Vorbereitung und selbst ohne irgendeine allzu beschränkende Lebensweise einzuhalten. Er könnte sogar von einem hohen Standpunkte der Moral absehen. In letzterem Falle würde der Schüler natürlich – zehn gegen eins gewettet – sich zu einer recht leidlichen Art von Zauberer entwickeln und kopfüber in schwarze Magie hinunterstolpern. Aber was tut das? Die Vudus und die Dugpas essen, trinken und sind guter Dinge über Hekatomben von Opfern ihrer höllischen Künste. Dasselbe tun die liebenswürdigen Herrn Vivisektoren und diplomierten „Hypnotiseure“ der medizinischen Fakultäten; der einzige Unterschied zwischen beiden ist der, daß die Vudus und Dugpas bewußte und die Charcot- Richet – Leute unbewußte Schwarzmagier sind. Denn wir sagen noch einmal: Hypnotismus und Vivisektion, wie sie in solchen Schulen gehandhabt werden, sind einfach und glatt schwarze Magie, minus solcher Kenntnisse, deren die Vudus und Dugpas sich erfreuen und die sich kein Charcot Richet in fünfzig Jahren angestrengter Studien, Beobachtungen und Experimente aneignen kann. Mögen daher diejenigen, die in Magie pfuschen wollen, ob sie ihre Natur verstehen oder nicht, aber die Regeln, die den Schülern auferlegt werden, zu streng finden und daher Atma-Vidya und Okkultismus beiseitelegen, – ohne sie auskommen. Mögen sie Magier werden, auch wenn sie während der nächsten zehn Inkarnationen Vudus und Dugpas werden. Das Interesse unserer Leser wird sich aber wahrscheinlich denjenigen zuwenden, die sich unwiderstehlich zum „Okkulten“ hingezogen fühlen, jedoch weder die wahre Natur dessen, wonach sie streben, erkannt haben, noch gegen alle Leidenschaften gefeit und noch weit weniger wirklich selbstlos geworden sind. Was geschieht mit diesen Unglücklichen, werden wir gefragt werden, die auf diese Weise von widerstreitenden Gewalten hin und hergerissen werden? Denn zu oft, um noch der Wiederholung zu bedürfen, ist es gesagt worden, und die Tatsache selbst ist jedem Beobachter offenbar, daß es für einen Menschen, in dessen Herzen der Wunsch nach Okkultismus einmal wirklich erwacht ist, in der ganzen Welt keine Hoffnung auf Frieden, keine Stätte der Ruhe und des Behagens mehr gibt. Er wird von einer ewig nagenden Unruhe, die er nicht unterdrücken kann, in wilde und einsame Lebensräume getrieben. Sein Herz ist zu sehr voll Leidenschaft und selbstischen Wünschen, um ihm den Eintritt durch das Goldene Tor zu ermöglichen; er kann aber im gewöhnlichen Leben weder Ruhe noch Frieden finden. Muß er also unfehlbar der Zauberei und schwarzen Magie verfallen und durch viele Inkarnationen ein schreckliches Karma auf sich laden? Gibt es keinen anderen Weg für ihn? Doch, es gibt einen, antworten wir. Möge er nach nichts Höherem streben, als was zu vollbringen er sich fähig fühlt. Möge er keine Last auf sich nehmen, die ihm zu schwer zu tragen ist. Ohne ein „Mahatma“, ein Buddha oder ein großer Heiliger werden zu wollen, möge er die Philosophie und das „Wissen der Seele“ studieren, und er kann ohne irgendwelche „übermenschliche“ Kräfte einer der bescheidenen Wohltäter der Menschheit werden. Siddhis (oder die Kräfte des Arhat) sind nur für die, welche imstande sind, „das Leben zu führen“ und die schrecklichen Opfer, die bei solcher Schulung gefordert werden, auf sich zu nehmen, und zwar bis zum letzten Buchstaben. Mögen sie es von Anfang an wissen und stets im Gedächtnis bewahren, daß wahrer Okkultismus oder Theosphie „die große Selbstentsagung“ ist, bedingungslos und absolut, in Gedanken wie in Taten. Es ist ALTRUISMUS und schleudert denjenigen, der ihn übt, gänzlich aus den Reihen der Lebenden. „Nicht für sich selbst lebt er, sondern für die Welt“, sobald er sich dem Werke geweiht hat. Viel wird während der ersten Probejahre vergeben. Aber sobald er „angenommen“ ist, muß seine Persönlichkeit verschwinden und er muß zu einer bloßen wohltätigen Kraft in der Natur werden. Danach gibt es nur zwei Pole für ihn, zwei Pfade, und dazwischen keine Ruhestätte. Er muß entweder Schritt für Schritt, oft durch zahlreiche Inkarnationen ohne devachanische Unterbrechung, mühevoll aufwärts steigen auf der goldenen Leiter, die zur Mahatmaschaft (zum Arhat – oder Bodhisattva – Zustand) führt oder – er wird sich beim ersten falschen Schritt die Leiter hinabgleiten lassen und hinunterrollen in Dugpaschaft. All dies ist entweder nicht bekannt oder wird gänzlich außer Acht gelassen. Ja, wer imstande ist, der stillen Entwicklung des vorbereitenden Strebens der Kandidaten zu folgen, findet, daß oft seltsame Vorstellungen leise von ihrem Denken Besitz ergreifen. Die Urteilskraft mancher ist durch fremde Einflüsse derart verzerrt worden, daß sie sich einbilden, tierische Leidenschaften könnten so verfeinert und gehoben werden, daß ihre Wildheit, ihre Kraft und ihr Feuer sozusagen nach innen gelenkt werden, daß sie in des Menschen Brust aufgehoben und eingeschlossen werden können, bis ihre Energie nicht entfaltet, aber höheren und heiligeren Zwecken zugewandt ist, nämlich: bis ihre gesammelten und unentfalteten Kräfte ihren Besitzer in den Stand setzen, das wahre Heiligtum der Seele zu betreten und darin in der Gegenwart des Meisters – des HÖHEREN SELBSTES – zu stehen. Zu diesem Zweck wollen sie weder ihre Leidenschaften bekämpfen, noch sie vernichten. Sie wollen einfach durch eine starke Willensanstrengung die wilden Flammen unterdrücken, innerhalb ihrer Natur in Bann halten und dem Feuer gestatten, unter einer dünnen Schicht von Asche zu glimmen. Oh, arme, blinde Phantasten! Warum sich nicht vorstellen, daß ein Dutzend Skunks, die man in die reine Luft eines Dgon pa (eines Klosters) einsperrte, aus ihm, von allen Düften des Weihrauchs durchdrungen, herauskommen könnten?…… Seltsame Verirrung des menschlichen Verstandes! Kann es so sein? Überlegen wir. Der „Meister“ im Heiligtum unserer Seele ist „das Höhere Selbst“ – der göttliche Geist, dessen Bewußtsein seinen Grund und seine Herkunft (auf jeden Fall während des sterblichen Lebens des Menschen, in dem er gefangen ist), allein von dem Verstande hat, welchen die menschliche Seele zu nennen wir übereingekommen sind (während die „spirituelle Seele“ das Gefäß des Geistes ist). Ihrerseits ist die erstere (die persönliche oder menschliche Seele) eine Zusammensetzung in ihrer höchsten Form von geistigem Streben, Willenstätigkeit und göttlicher Liebe, und in ihrem niederen Aspekt eine Zusammensetzung von tierischen Wünschen und irdischen Leidenschaften, die ihr durch ihre Verbindungen mit ihrem Vehikel, dem Sitze derselben zufallen. So steht die menschliche Seele als Glied und Vermittler zwischen der TierNatur des Menschen, die seine höhere Vernunft zu beherrschen versucht, und seiner göttlichen Geist-Natur, zu welcher sie sich stets hinneigt, wenn sie in ihrem Kampfe mit dem inneren Tiere die Oberhand hat. Letztere ist die instinktmäßige „TierSeele“, das Treibbeet aller der Leidenschaften, die, wie wir eben gesehen haben, von manchen unklugen Enthusiasten eingeschläfert und in der Brust eingeschlossen statt getötet werden. Hoffen sie, den schlammigen Strom der tierischen Gosse dadurch in die kristallischen Wasser des Lebens zu verwandeln? Und wo, auf welchem neutralen Boden können sie so eingekerkert werden, daß sie nicht mehr auf den Menschen wirken? Die wilden Leidenschaften der Liebe und der Lust sind noch lebendig und es wird ihnen gestattet, an dem Orte ihrer Entstehung – in eben dieser Tier-Seele – zu bleiben, denn so wohl der höhere als auch der niedere Teil der „menschlichen Seele“ oder der Vernunft verwerfen solche Mitbewohner, obgleich sie es nicht vermeiden können, von ihnen als ihren Nachbarn abzufärben. Das „Höhere Selbst“ oder der Geist ist ebensowenig fähig, solche Gefühle in sich aufzunehmen, wie Wasser sich mit Öl oder unsauberem, flüssigen Talg vermischen kann. So ist also der Verstand – das alleinige Bindeglied und Medium zwischen dem Menschen der Erde und dem Höheren Selbst – der einzige, der zu leiden hat und der in fortwährender Gefahr ist, von diesen Leidenschaften, die jeden Augenblick wieder erwachen können, herabgezogen zu werden und im Abgrund der Materie unterzugehen. Und wie kann er sich jemals zur göttlichen Harmonie des höchsten Prinzips stimmen, wenn diese Harmonie durch die bloße Anwesenheit solcher tierhafter Leidenschaften in dem werdenden Heiligtum zerstört wird? Wie kann Harmonie vorherrschen und siegen, wenn die Seele von dem Wirbel der Leidenschaften und den tierischen Wünschen der körperlichen Sinne oder auch des „astralen Menschen“ befleckt und abgelenkt wird? Denn dieser „Astral“ – der schattenhafte „Doppelgänger“ (im Tiere wie im Menschen) ist nicht der Gefährte des göttlichen Egos, sondern des irdischen Körpers. Er ist das Verbindungsglied zwischen dem persönlichen SELBST, dem niederen Bewußtsein von Manas, und dem Körper und ist das Gefäß des vergänglichen, nicht des unsterblichen Lebens. Wie der vom Menschen geworfene Schatten folgt er seinen Bewegungen und Trieben sklavisch und mechanisch und lehnt sich daher an die Materie an, ohne jemals zum Geiste aufzusteigen. Nur wenn die Macht der Leidenschaften ganz tot ist, wenn sie in dem Schmelztiegel eines unbeugsamen Willens gebrochen und vernichtet worden ist, wenn nicht nur alle Lüste und Sehnsüchte des Fleisches tot sind, sondern auch die Anerkennung des persönlichen SELBSTES ertötet worden ist und der „Astral“ dadurch zu einer Null wurde, kann die Vereinigung mit dem „Höheren Selbst“ stattfinden. Wenn dann der „Astral“ nur den besiegten Menschen widerspiegelt, die zwar noch lebende, aber nicht mehr verlangende, selbstsüchtige Persönlichkeit, dann kann der strahlende Augoeides, das göttliche SELBST, mit beiden Polen der menschlichen Wesenheit – dem geläuterten Menschen des Stoffes und der immer reinen Geist Seele – in bewußter Harmonie schwingen und in Gegenwart des MEISTER- SELBSTES stehen, des Christos der mystischen Gnostiker, in Ihn übergegangen, verschmolzen und eins mit Ihm für immer.3 Wie kann man es daher für möglich halten, daß ein Mensch durch die „enge Pforte“ des Okkultismus gehen kann, wenn seine täglichen und stündlichen Gedanken an weltliche Dinge geheftet sind, von Wünschen nach Besitz und Macht, von Lust und Ehrgeiz und von Pflichten, die, wenn auch ehrenwert, doch noch von der Erde und irdisch sind? Selbst die Liebe zu Weib und Familie – die reinste und selbstloseste aller menschlichen Zuneigungen – ist ein Hindernis für den wirklichen Okkultismus. Denn ob wir als Beispiel die heilige Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde nehmen oder die des Gatten für sein Weib, so ist doch selbst in diesen Gefühlen, wenn wir sie bis auf den letzten Grund analysieren und gründlich sichten, noch Selbstsucht im ersten und ein Egoismus zu zweien im zweiten Beispiel. Welche Mutter würde nicht, ohne einen Augenblick zu zögern, Hunderte und Tausende von Leben für das des Kindes ihres Herzens opfern? 3 Diejenigen, die geneigt sein sollten, in einem Menschen drei Egos zu sehen, werden sich als unfähig erweisen, die metaphysische Bedeutung zu erkennen. Der Mensch ist eine Dreiheit, aus Leib, Seele und Geist zusammengesetzt; trotzdem aber ist der Mensch eins und ist ganz gewiß nicht sein Körper. Letzterer ist das Eigentum, das vorübergehende Gewand des Menschen. Die drei „Egos“ sind der MENSCH in seinen drei Aspekten, im astralen, intellektuellen oder psychischen und spirituellen Bereich oder Zustand. Und welcher Liebende oder wahre Gatte würde nicht das Glück jedes anderen Mannes, jeder anderen Frau aus seiner Umgebung zertrümmern, um den Wunsch derer, die er liebt, zu befriedigen? Das ist nur natürlich, wird man uns sagen. Ganz richtig; im Lichte der Regeln menschlicher Zuneigungen, weniger in jenem göttlicher, universeller Liebe. Denn wie soll die ganze übrige Menschheit in unserer Seele wohnen, während das Herz erfüllt ist von Gedanken für eine kleine Gruppe von Selbsten, die uns nahestehen und teuer sind? Welcher Prozentsatz von sorgender Liebe wird übrig bleiben, um sie der „großen Waise“ zuzuwenden? Und wie kann die „stille schwache Stimme“ sich in einer Seele vernehmbar machen, die ganz und gar mit ihren eigenen bevorzugten Bewohnern beschäftigt ist? Wieviel Raum bleibt darin für die Not der Menschheit als Ganzes, um sich einzuprägen oder gar einen flüchtigen Widerhall zu finden? Aber, wer an der Weisheit des All – Geistes Anteil haben will, muß ihn durch Glas Ganze der Menschheit erreichen, ohne einen Unterschied zu machen zwischen Rasse, Farbe, Religion oder sozialer Stellung. Nur Altruismus, nicht Egoismus selbst in seiner gesetzmäßigsten und edelsten Auffassung, kann den einzelnen dazu führen, sein kleines Selbst in den universellen Selbsten zu versenken. Diesen Nöten und diesem Werke aber muß der echte Jünger des wahren Okkultismus sich weihen, wenn er Theo-Sophia, göttliche Weisheit, und Wissen erlangen will. Der Strebende muß bedingungslos zwischen dem Leben der Welt und dem Leben des Okkultismus wählen. Es ist zwecklos und vergeblich zu versuchen, beide zu verbinden, denn niemand kann zwei Herren dienen und beide zufrieden stellen. Niemand kann seinem Körper und der höheren Seele dienen und seine Familienpflichten und die Pflichten der Allgemeinheit gegenüber tun, ohne einen oder den anderen seiner Rechte zu berauben; denn entweder wird er sein Ohr der „stillen, leisen Stimme“ weihen und das Weinen seiner Kleinen überhören, oder er wird nur den Bedürfnissen der letzteren Gehör geben und für die Stimme der Menschheit taub bleiben. Es würde ein unaufhörlicher, ein rasendmachender Kampf für fast jeden verheirateten Menschen sein, der wahren, praktischen Okkultismus betreiben wollte, statt dessen theoretischer Philosophie. Denn er würde stets unschlüssig schwanken zwischen der Stimme der unpersönlichen göttlichen Liebe zur Menschheit und jener der persönlichen irdischen Liebe. Und das könnte ihn nur dazu führen, in der einen oder der anderen zu fehlen oder vielleicht in beiden seine Pflichten zu versäumen. Schlimmer als das. Denn wer, nachdem er sich dem OKKULTISMUS verpflichtet hat, der Befriedigung einer irdischen Liebe oder Lust nachgibt, muß eine fast unmittelbare Folge davon fühlen – nämlich die, unwiderstehlich aus dem unpersönlichen, göttlichen Zustande in die niedere Ebene der Materie herabgezogen zu werden. Sinnliches oder selbst mentales Sich gehen lassen hat den unmittelbaren Verlust der Kräfte der spirituellen Unterscheidungskraft zur Folge; die Stimme des MEISTERS kann nicht mehr von der der eigenen Leidenschaften oder selbst der eines Dugpa unterschieden werden; Recht nicht mehr von Unrecht, gesunde Moral nicht von bloßer Spitzfindigkeit. Die Frucht des Toten Meeres nimmt die herrlichste, geheimnisvollste Gestalt an, nur um auf den Lippen zu Asche und im Herzen zu Galle zu werden, und endet in: „Tiefe, immer tiefer noch; Dunkel, immer dunkler noch; Torheit statt Weisheit; Schuld statt Unschuld; Angst statt Entzücken und statt der Hoffnung Verzweiflung.“ Und wenn sie sich einmal geirrt und auf Grund dieses Irrtums gehandelt haben, schrecken die meisten Menschen davor zurück, ihren Irrtum einzusehen, und sinken so tiefer und tiefer in den Schlamm. Und obwohl vor allem die Absicht darüber entscheidet, ob weiße oder schwarze Magie ausgeübt wird, so können selbst die Wirkungen unfreiwilliger, unbewußter Zauberei nicht verfehlen, schlechtes Karma zu zeitigen. Genug ist gesagt worden, um zu zeigen, daß die Ausübung jeder Art schlechten Einflusses auf andere, die leiden, oder die andere dadurch leiden lassen, Zauberei ist. Karma ist ein schwerer Stein, der in die stillen Wasser des Lebens geworfen wird: er muß immer weitere Wellenkreise ziehen, die weiter und weiter getragen werden, fast ins Unendliche. Solche Ursachen, einmal hervorgebracht, müssen Wirkungen haben, und diese treten in den gerechten Gesetzen der Wiedervergeltung in Erscheinung. Viel davon kann vermieden werden, wenn die Menschen nur davon absehen wollten, sich in die Ausübung von Dingen zu stürzen, deren Natur und deren Bedeutung sie nicht verstehen. Von niemandem wird erwartet, daß er eine Last trage, die über seine Kraft und Stärke geht. Es gibt „geborene Magier“, Mystiker und Okkultisten von Geburt, und auf Grund des Rechtes direkter Erbschaft aus einer Reihe von Inkarnationen und Äonen von Leiden und Fehlschlägen. Sie sind sozusagen gegen Leidenschaften gefeit. Kein Feuer irdischen Ursprungs kann einen ihrer Sinne oder Wünsche zur Flamme entfachen; keine menschliche Stimme kann in ihren Seelen einen Widerhall finden außer dem großen Schrei der ganzen Menschheit. Nur diese können des Erfolges sicher sein. Aber man trifft sie nur selten; sie gehen durch die engen Tore des Okkultismus, weil sie kein persönliches Gepäck menschlich vergänglicher Gefühle tragen. Sie haben sich von den Gefühlen der niederen Persönlichkeit befreit, haben das „astrale“ Tier dadurch gelähmt, und die goldene, aber enge Pforte hat sich vor ihnen geöffnet. Nicht so mit denen, die noch mehrere Inkarnationen hindurch die Bürde von Sünden zu tragen haben, die sie in vergangenen Leben und selbst in ihrem gegenwärtigen Dasein begingen. Für solche kann das goldene Tor der Weisheit, wenn sie nicht mit großer Vorsicht vorwärtsgehen, sich noch in das weite Tor wandeln und in den breiten Weg, „der zum Verderben führt“, auf dem daher „viele sind, die ihn wandeln“. Das ist das Tor der okkulten Künste, die aus selbstsüchtigen Gründen und ohne den zügelnden und wohltätigen Einfluß von ATMAVIDYA ausgeübt werden. Wir leben im Kali-Yuga und sein verhängnisvoller Einfluß ist im Westen tausendmal mächtiger als im Osten; daher die leichte Beute, die die Mächte des dunklen Zeitalters in diesem zyklischen Kampfe machen, und die vielen Täuschungen, die der Welt jetzt so viel zu schaffen geben. Eine davon ist die Einbildung, daß man mit verhältnismäßiger Leichtigkeit zur „Pforte“ gelangen und die Schwelle des Okkultismus ohne große Opfer überschreiten könne. Es ist der Traum der meisten Theosophen, er ist von dem Wunsch nach Macht und von persönlicher Selbstsucht eingegeben; aber solche Gefühle können niemals zu dem begehrten Ziele führen. Denn wie von einem, von dem man glaubt, daß er sich für die Menschheit geopfert hat, gut gesagt worden ist: „Eng ist die Pforte und schmal ist der Weg, der zum ewigen Leben führt“ und daher sind es „wenige, die ihn finden“. So eng ist er in der Tat, daß die erschreckten Kandidaten aus dem Westen bei der bloßen Erwähnung einiger der Anfangsschwierigkeiten sich umwenden und mit Schaudern zurückweichen… Mögen sie da stehen bleiben und in ihrer großen Schwäche nicht mehr versuchen. Denn wehe ihnen, wenn sie der engen Pforte den Rücken wenden und ihr Begehren nach dem Okkultismus sie auch nur einen Schritt nach der Richtung der weiten und einladenderen Tore jenes goldenen Mysteriums zieht, welches im Lichte der Täuschung glitzert! Es kann nur zu Dugpaschaft führen und sie werden sich mit Sicherheit sehr bald auf jener Via Fatale des Inferno landen sehen, über deren Tor Dante die Worte las: „Durch mich geht es zur Stadt der Schmerzen, Durch mich geht es ins ewige Leid, Durch mich geht es zu den verlorenen Seelen…“

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