Der Ritus des Saturn

Die Offiziere des Tempels:

MAGISTER TEMPLI der Repräsentant von Binah, Saturn.
MATER COELI Venus in Libra, dem Haus der Erhöhung Saturns.
BRUDER AQUARIUS das Haus Saturns; in Chesed, denn Pisces ist Wasser: „Hoffnung“.
BRUDER CAPRICORNUS unter der Herrschaft von Capricornus, dem Haus Saturns; in Geburah, denn Mars ist darin erhöht. Er ist Mars in Capricornus.
BRUDER CAPRICORNUS EMISSARIUS. [A.d.Ü.: lat.: Spion]
DER LEITER DES CHORS, oder CHORAGOGE.

[A.d.Ü.: Zu den Astrologischen Korrespondenzen siehe Buch Thoth S. 269 ]

SZENE —— Im Osten ist das verhüllte Heiligtum; in ihm ist ein Altar. Bei ihm befinden sich CHOKMAH, BINAH, CHESED und GEBURAH, repräsentiert durch M.T., M.C., Br.A. und Br.C.; Br.C.E. ist als ordentliches Mitglied der Garnison verkleidet.

TEIL I

CAPRICORNUS tritt ein und löscht das blaue Licht. Rote Lampen werden von ihm und dem CHORAGOGEN hereingebracht. Zunächst wird der Tempel von zwei roten Lampen beleuchtet. Die NOVIZEN singen die Capricornus- und Aquariussektionen aus 963, während die anderen draußen in der Dunkelheit warten. Die roten Lichter werden nun hinter dem Schleier verborgen.

CAPRICORNUS entzündet das blaue Licht. Der Tempel ist in Dunkelheit, die Assistenten sitzen. CAPRICORNUS (erhebt sich von seinem Thron und klopft 3 mal mit dem Speerende auf den Boden. MAGISTER TEMPLI und MATER COELI befinden sich im Heiligtum.

CAPRICORNUS: Procul, O procul este profani!
(Er zelebriert das bannende Pentagrammritual. Als nächstes entflammt er das Höllengebräu und rezitiert:)

Auch wenn des Verräters Atem
weiter fließt, so kommt er um,
durch das geheimnisvolle Wort, das zum Tode gesprochen.
Auch wenn die Hand des Profanen
nach dem heiligen Sande greift,
wird das Feuer ihn verzehren, auf daß sein Name im Lande vergessen werde.
Auch wenn das böse Auge
die Mysterien auszuspähen sucht,
nimmt die Blindheit der Götter seinen Geist: er soll sterben.
Auch wenn der böse Priester
durch das heilige Mahl vergiftet wurde,
so wird er sich durch die sieben Kräfte zu einem mißratenen Biest verwandeln:

Auch wenn die Kräfte des Bösen,
gebrochen durch den Willen des Stabes,
an dem heiligen Ort kreischen, vergeblich, unbestimmt und schrecklich:

Auch wenn die Herren der Hölle,
in Feuer gekettet durch den Zauberspruch,
sich dennoch abmühen an blindem Stahl; dies öffnet und zwingt nicht die Fesseln.

So halte Abstand, O Profaner!
Kind des Hurrikans!
damit nicht das Schwert des Feuers dich zerstöre,
die Wege des Todes geebnet werden!

So entferne dich, sei weise:
damit deine vergänglichen Augen nicht
die über dem formlosen Feuer geopferte Jungfrau sehen !

So entferne dich, und die geheime Flamme
wird auf dem Stein der Schande brennen,
auf daß die Heiligen die Musik der schlaflosen Namen hören!

Heilig, Heilig, – Heilige Braut,
des sonnenumgürteten Hauses,
das geheime Symbol flammt auf deinen allkundigen Brauen! …

Auch wenn des Verräters Atem
weiterfließt, so kommt er um,
vom geheimnisvollen Wort, das zum Tode gesprochen.

CAPRICORNUS: Brüder, laßt uns den Meister des Tempels erwecken.
CHORAGOGE (schlägt das „Tom-Tom“ und die anderen Brüder klatschen und stampfen mit den Füßen. Kein
Ergebnis.)
CAPRICORNUS: Stille – es ist vergeblich! Brüder, laßt uns den Beistand der Mutter des Himmels erflehen!
(Er geht zum Vorhang und reicht mit seinen Händen hindurch.)
MATER COELI (Passiert den Thron des MAGISTER TEMPLI und betritt den Tempel.)
Kinder, was ist Euer Wille? Zu welchem Zweck habt Ihr mich gerufen?
CAPRICORNUS: Mutter des Himmels, wir bitten Dich, erwecke den Meister.
MATER COELI: Welche Stunde hat geschlagen?
CAPRICORNUS: Mutter des Himmels, es fehlt eine Viertelstunde bis Mitternacht.
MATER COELI: So sei es, nach Eurem Wunsch!

(Sie spielt – Kuyawiak: Wieniawski. Nachdem sie geendet hat, kniet sie nieder. Der Schleier teilt sich langsam, und der MAGISTER TEMPLI wird sichtbar, im Heiligtum stehend. Er betritt langsam den Tempel. MATER COELI kehrt zum Thron zurück, nachdem sie von ihm gesegnet und erhöht worden ist).

MAGISTER TEMPLI: Mutter des Himmels, innig geliebt von den Sternen, weshalb hast Du
das Gift alter Zeiten, den Bewohner der Ewigkeit belebt?
MATER COELI: Shabbathai.
MAGISTER TEMPLI (tritt zum Höllengebräu und rezitiert „The eyes of Pharaoh“)

Die Augen des toten Pharao leuchteten aus dem Grab heraus
Brennend wie rubinrote Zwillingsplaneten.
Mumifiziert, inthronisiert; die Hallen der Finsternis
Reflektieren die Agonie des Todes.

Stumm und starr ruhte der Pharao:
Kein Atemzug kam, flüsternd, besänftigend, erschreckend.
Nur dieser rote inkarnierte Hass
Flackerte von Pylon zu Pylon.

Wie in dem Blut ermordeter Geschöpfe
sah der aufrechtstehende Prophet die Schreie
des Umsturzes und das ruinöse Los der Könige,
Not und schreckliches Verhängnis,

So zeigte sich in des Pharao’s Augen
Hass und Abscheu, welche zwingt
in den Tod jeden verdammten Günstling
Des Seth, des abscheulichen Herrn der Hölle.

Fürwahr! in diesen Kugeln von Feuer ruhte
Beträchtliches schreckliches Wissen, eng zusammengerollt
Wie Schlangen, in diesen Hallen des Hasses,
Palästen der Unterwelt.

In der Höllenglut dieser Augen
spiegelte sich der gebleichte Schädel des Pharao
Weiß, wie das Licht des Mondes, welches überrascht
Die beschwörenden Drusen vom Libanon.

Da sprang von Pylon zu
Pylon eine unirdische Melodie über,
Wie Phantompriester, tönend und klingend,
Unheilvoll dunkle Gesänge an den Mond darbringend.

Und der unerträgliche Geruch des Todes
Schlug die schwarze Luft mit goldenen Schwingen,
Wie der Turgise der Nubierin Leib aufschlitzt
Mit damaszenischen Yataghans.

Auch der Geruch seit langem toten Staubs,
Von Königinnen aus alter Zeit – korrupt und gefällig,
Strich durch den Tempel; wehte, subtil getragen
Von Dämonen, welche die Luft beherrschen.

Dann war da eine Berührung auf dem Leib,
Wie von saugenden Mündern und streichelnden Händen,
die ihren verpesteten, verlockenden Schmutz hinterließ
bis in die wilden Tänze des Blutes.

So starrte der Neophyt
In des toten Pharao’s furchtbare Augen,
Ergriffen von unermeßlichem Staunen,
Um des Initiierten Rang und Belohnung zu erringen.

Seine erregten Gedanken erhoben ihn in schwindelnde Höhen.
Sie flammten im Kampf auf seinem Gefieder;
Wo der Weise und der Krieger im Sarge liegen,
Eilte er allein durch Kerker und Grab.

Die Myriaden von Menschen, die bewaffneten Kohorten,
Wurden wie Hunde zerfetzt: die blutrote Fackel
Sprang über wie eine Flamme, eine verzauberte Flamme
Um die himmelüberspannende Pyramide zu entzünden.

Dort drinnen saß der Pharao und starrte,
Eingehüllt in die Tücher des Grabes,
Mit Augen, die den Horror reflektieren
Wie Totenlichter, die in der Finsternis leuchten.

Bis alles eine einz’ge Flamme war, ein Brüllen des Feuers,
Tod überall, eingesperrt und verschlungen: –
Aha! Einer nannte den schrecklichen Namen –
Die roten Zwillingsplanenten sind erloschen.

(Eine Pause. Die Lampe erlischt und Dunkelheit bedeckt alles.)

CHORAGOGE (entfernt diskret das Gefäß mit dem Höllengebräu.)

TEIL II

MAGISTER TEMPLI: 1* [* diese Zeichen repräsentieren Klopfzeichen. 1* einen einzelnen
Schlag; 2 2 * eine Batterie von zwei Schlägen; usw.]
Bruder Aquarius, was hat die Stunde geschlagen?
AQUARIUS: Mitternacht.
MAGISTER TEMPLI: 1* Bruder Capricornus, an welchem Ort befinden wir uns?
CAPRICORNUS: In der Festung jenseits des Abgrunds des Abyss.
MAGISTER TEMPLI: 1* Brüder Aquarius und Capricornus, ist die Geliebte mit uns?
AQUARIUS und CAPRICORNUS: Die Mutter des Himmels ist erhöht.
MAGISTER TEMPLI: Mutter des Himmels, laß uns zusammen trauern!
(Er rezitiert Swinburne’s „Ilicet“:)
MATER COELI: (spielt demgemäß die Arie in G-Moll: Bach.)

Da gibt es ein Ende von Freude und Trauer
Den ganzen Tag Frieden, jede Nacht, jeden Morgen.
Aber niemals Zeit zu Lachen oder zu Weinen.
Das Ende der zärtlichen Worte und Gesichter,
Das Ende von Allem, auch dem betäubenden Schlaf.

Kein Platz, wo man jemanden hören kann,
Kein Platz für Hoffnung, keine Zeit für Angst,
Keine Lippen, die lachen, keine Augen, die weinen.
Die alten Jahre haben all ihre Zeit verbraucht;
Keine Gelegenheit für Schmerz, keine Chance für Sinnlichkeit,
Kein übriggebliebenes Fragment der zerbrochenen Jahre.

Außerhalb aller Welten und Zeiten,
Dort wo der Narr gleich wie der Weise ist,
Dort wo der Mörder frei von Blut ist,
Kein Ende, kein Durchgang, kein Beginn,
Dort wo der Sünder seine Sünden abstreift,
Dort wo der gute Mensch nicht mehr gut ist.

Da ist kein Ding mit einem anderen vermengt,
Doch das Böse sagt zum Guten: Mein Bruder,
Mein Bruder, ich bin Eins mit dir:
Sie sollen sich nicht bemühen und auf ewig nicht schreien:
Kein Mensch soll zwischen ihnen wählen: Nie
Soll dieses Ding enden und jenes beginnen.

Winde, worin Ozeane und Sterne geschüttelt werden
Sollen sie zausen, und sie sollen nicht aufwachen;
Nichts, das darniederliegt, soll aufstehen;
Die Steine sind auf ihren Plätzen versiegelt;
Ein Schatten wurde über ihre Gesichter geworfen,
Ein unsichtbares Theater auf all ihren Augen.

Schlaf, vielleicht ist es Schlaf, der
Jedes Gesicht bedeckt, als wäre jedes Gesicht sein Geliebter?
Lebt wohl; wie Menschen, die schlafen, laßt es euch gut gehen.
Des Grabes Mund lacht zur Verhöhnung
Wünsche und Schrecken und Traum und Vision,
Entzücken des Himmels und Elend der Hölle.

Keine Seele soll sie zählen und keine Lippen über sie sprechen,
Die Namen und Stämme derer, die vor sich hin schlummern;
Keine Erinnerung, kein Grabmal.
„Du weißt“ – wer sagt denn, daß du weißt?
Da ist nichts Höchstes und nichts Niedrigstes:
Ein Ende, ein Ende, ein Ende von Allem.

Gute Nacht, schlaft gut, ruht euch von euren Sorgen aus,
Alle, die keinen guten Morgen haben;
Die Götter sollen euch wohlgesonnen sein.
Aber, wenn es keinen Tod gibt, wie sollten sie Sein?
Und, gibt es Hilfe im Himmel? Möglicherweise werden
Alle Dinge und die Herren der Dinge enden.

Die geneigte Urne, gefüllt, fällt um und leuchtet auf;
Der bronzene Rand ist tief in Asche getaucht;
Die bleichen, alten Lippen des Todes sind genährt.
Soll dieser Staub das Fleisch hernach zusammensammeln?
Soll man Tränen vergießen oder in Lachen ausbrechen,
Wenn man all dieser Toten ansichtig wird?

Denke was du willst; jene wissen nichts davon;
Das viele Weinen deiner Augen nutzt nichts,
Dein Lachen wird nichts lindern,
Schreie laut, schone dich nicht, höre nicht mit dem Weinen auf,
Seufze, bis du in zwei Hälften geteilt bist vor Seufzen,
Und keine Seite soll aufstehen können.

Glühende Räucherung leuchtet, und verbrannter Wein zischt,
Der atmende Flammenmund kräuselt sich und küßt
Die schmalen trockenen Reihen des Weihrauchs;
Und um die traurigen roten Blüten schwelen
Blumen, wie das Feuer gefärbt, nur kälter,
Als Zeichen für die süßen Dinge, die von jetzt ab genommen werden.

Ja! Um ihretwillen und als Gunst des Todes
Dinge, die süß aussehen und süß schmecken.
Wir ergeben uns ihnen, Gewürze und Blumen und Wein;
Ja, wertvollere Dinge als Wein oder Gewürze,
Wovon keiner die Höhe des Preises kennt,
Und Früchte, die nicht von der Rebe kommen.

Von der durchstochenen Kehle des Jungen und dem durchbohrten Busen des Mädchens
Tropft, um die blutrote Blüte herum färbend,
Langsam das köstlich glänzende, weiche Blut,
Badend die Gewürze und den Scheiterhaufen,
Badend die Blumen und das fallende Feuer,
Badend die Blüte und die Knospe.

Rosen, deren Lippen die Flamme töteten,
Trinken, bis die lappigen Blätter erröten
Und warme, feuchte, innerste Blüten weinen;
Die Blumen, die sich den kranken Schlaf gönnen,
Unfruchtbar, ohne Balsam und purpurnes Vergnügen,
Rauch, ohne den natürlichen Atem des Schlafes.

Warum wirst du weinen? Worüber trauerst du?
Du weckst die Leute und das schlafende Volk,
Und der Sand, der aufgefüllt, und der Sand, der fällt,
Die rosaroten Tage, die Opiumstunden,
Blut, Wein, und Würze und Feuer und Blumen,
Da ist ein Ende von Einem und Allem.

Kann man da noch Liebe verleihen oder verschenken?
Sollte man sich für seine Trauer entschuldigen?
Sollte man sich bedanken für Worte oder den Atem?
Ihr Haß ist wie ihre liebliche Freundlichkeit;
Auf ihren Augenbrauen liegt Blindheit,
Die Waffe ihrer Arme ist Tod.

Nein, für keinen Lärm oder das Licht des Donners
Sollen diese Leichentücher verliehen werden,
Der, der genommen hat, soll der geben?
Er, der alles band, soll er das Band zerstören?
Er, der erschlug, soll er ihnen befehlen, wieder zu leben?

Ein wenig Tränen, ein wenig Wohlgefühl,
Das Schicksal vermißt unser staubiges Maß
Welches die Daten von uns allen enthält;
Wir sind mit Wehen geboren und starkem Schreien,
Und vom Geburtstag bis zu unserem Tode
Ist unser Leben immer dieses gleiche.

Der Eine gürtet sich um dem Anderen zu dienen,
Dessen Vater der Staub war, und dessen Mutter
Der kleine, tote, rote Wurm darin;
Sie finden nicht die Frucht der Dinge, die sie wertschätzen;
Das Gute des Menschen wird verschwinden,
Und ebenso wird es mit seinen Sünden sein.

Auf tieffeuchten Wegen an alten, grauen Gärten
Mit scharfem Frühling gedüngt, wächst die Frucht;
Sie wissen nicht, welche Früchte wachsen oder verdorren;
Roter Sommer brennt alles zu feiner Asche;
Sie wissen nichts, und keiner erinnert sich
An vergangene Jahre und die Blumen, die sie kannten.

Ah, um ihretwillen gefangen und fortgenommen,
Um ihretwillen, vergessen und verlassen,
Sei wach, schlaf nicht, gürte dich mit Gebet.
Doch, wo das Herz des Zornes zerbrach,
Wo die lange Liebe endet wie ein gesprochenes Wort,
Wie wird sich dein Weinen hier Einlaß verschaffen?

Obwohl die stählernen Wände der alten Welt straucheln
Wird sie sich dennoch immer ähnlich bleiben,
Auch wenn Gerüchte durch die Zeiten streifen,
Die Sterne und die Aeonen, die danach kommen,
Die Tränen der letzten Menschen, das Gelächter
Der alten Götter, die sich nie verändern.

Hoch über den Jahren und den Nationen
Die heiligen Götter, gekleidet und gekrönt mit Geduld,
Ertragen durch die todesgleichen Tage alle Begegnungen;
Sie hüten die Zeugnisse von verborgenen Dingen;
Vor ihren Augen steht das gescholtene Leben,
So wie sie selbst vor den Augen des Schicksals.

Nicht wegen ihrer Liebe soll sich das Schicksal zurückziehen,
Noch soll es wegen unserer Wünsche aufgeben,
Noch sich die Gräber öffnen, wenn sie rufen.
Das Ende ist mehr als Freude und Qual,
Mehr als Leben, welches lacht und Leben, das darniederliegt,
Der betäubende Opiumschlaf, das Ende von Allem.

MAGISTER TEMPLI: 1* Bruder Aquarius, zu welchem Zweck sind wir zusammengekommen?
AQUARIUS (erhebt sich und flüstert in sein Ohr): Shabbathai.
ALLE (laut): Shabbathai.
MAGISTER TEMPLI: 1* Sind die Brüder gesättigt?
AQUARIUS: Durch die Leichname ihrer Kinder.
MAGISTER TEMPLI: 1* Ist ihr Durst gelöscht?
AQUARIUS: Durch in Blut getauchte Schlafmohn-Köpfe.
MAGISTER TEMPLI: Der Rabe hat gekrächzt.
AQUARIUS: Die Eule hat geschrien.
CAPRICORNUS: Die Fledermaus hat mit ihren Flügeln geschlagen.
MAGISTER TEMPLI: Dann… Licht!
CAPRICORNUS (entzündet die blauen blendenden Lichter.)
MAGISTER TEMPLI: 1* Bruder Aquarius, ich ahne Gefahr.
AQUARIUS: 1* Meister, draußen geschehen üble Dinge.
(Zu CAPRICORNUS): Laß die Wache antreten!
CAPRICORNUS: Brüder, zu Euren Waffen!
(Alle NOVIZEN erheben sich und folgen ihm. Er sticht alle Assistenten mit seinem Speer, inspiziert die Türen, usw.)
Meister, jedermann steht wachsam auf seinem Posten. Es gibt keine Warnmeldungen.
MAGISTER TEMPLI: 1* Bruder Aquarius, ich ahne Gefahr.
AQUARIUS: 1* Meister, es gibt einen Verräter innerhalb der Tore.
(zu CAPRICORNUS): Inspiziere die Garnison!
CAPRICORNUS: Brüder, läutert eure Herzen! (Er erhebt sich und schaut jedem in die Augen. Wenn er zu Bruder CAPRICORNUS EMISSARIUS kommt, packt er ihn fest an den Haaren, zieht ihn vor den Altar und stößt seinen Speer in ihn. Er vervollständigt die Inspektion, kehrt zurück und verbeugt sich vor dem MAGISTER TEMPLI.)
Meister, dem Verräter ist Gerechtigkeit widerfahren. Nur der Getreue kann bestehen.
MAGISTER TEMPLI: So gehen alle Verräter zugrunde.
CAPRICORNUS: (Er löscht das Licht. Eine Pause.)

TEIL III

Dunkelheit

AQUARIUS (kommt vor und kniet vor dem MAGISTER TEMPLI):
Meister, wir flehen Dich an, zu erlauben, daß die Zeremonie weitergeht.
MAGISTER TEMPLI: In den trockenen Blättern war kein Rascheln.
CAPRICORNUS (kniet sich gleichfalls nieder.)
AQUARIUS und CAPRICORNUS: Meister, wir flehen Dich an, erlaube, daß die Zeremonie weitergeht.
MAGISTER TEMPLI: Das schwarze Lamm hatte kein Herz.
NOVIZEN ( knien nieder.)
ALLE: Meister, wir flehen Dich an, erlaube, daß die Zeremonie weitergeht.
MAGISTER TEMPLI: Die geheiligte Pythonschlange wurde tot aufgefunden.
MATER COELI (Sie tritt hervor, kniet vor dem MAGISTER TEMPLI nieder, und bildet so die Spitze der Pyramide der Bittsteller. Sie erhebt sich, spielt ihre Bitte- Abendlied: Schumann – und kniet wieder.)
MAGISTER TEMPLI: Laßt uns mit der Zeremonie fortfahren.

MATER COELI (kehrt zu ihrem Thron zurück.)
AQUARIUS (erhebt sich.)
CAPRICORNUS (kehrt zu seinem Posten zurück und entzündet die Lampe.)
AQUARIUS (und alle Anwesenden tanzen wild vor Freude zum Klang des „Tom-Tom“.)
CAPRICORNUS EMISSARIUS (schlüpft während dieses Durcheinanders in den Tempel und versteckt sich hinter dem Schleier; er wechselt seine Verkleidung und legt seine Tanzrobe an.)

MAGISTER TEMPLI: Ruhe! (eine Pause) 1*
AQUARIUS: 1*
MAGISTER TEMPLI: 1* Heilig seien die Lichter der Freude!
AQUARIUS: Heilig seien die Lichter der Sorge!
MAGISTER TEMPLI: Laßt uns die Arche der Höheren Erkenntnis betreten.
CAPRICORNUS: Heil Dir, der Du in der Stadt der Pyramiden weilst.
AQUARIUS: Heil Dir, der Du Dein Lager jenseits der Großen See aufgeschlagen hast.
MAGISTER TEMPLI: Heil, Brüder!
CAPRICORNUS: Meister, was ist Höhere Erkenntnis?
MAGISTER TEMPLI: Tod.
AQUARIUS: Meister, was ist die Arche?
MAGISTER TEMPLI: Das Grab.
AQUARIUS und CAPRICORNUS: Meister, wie sollen wir es betreten?
MAGISTER TEMPLI: Erhebt Euch und folgt mir.

(Er erhebt sich und umrundet den Tempel gegen den Uhrzeigersinn.)
CAPRICORNUS (zerrt jede dritte Person hervor und bedeutet ihr, ihm zu folgen; er fährt
damit fort, bis nur noch eine Person übrigbleibt.)
MAGISTER TEMPLI (richtet an diese feierlich den folgenden Satz, indem er ihn gleichzeitig nach vorne zieht):
Auch Du mußt sterben! (Er hält im Osten an.)
Brüder! Laßt uns demütig Hilfe suchen hinter dem Schleier!
(Er zieht den Schleier auf, das leere Heiligtum wird sichtbar. Bruder CAPRICORNUS
EMISSARIUS muß sich selbst gut verborgen haben, so daß er nicht entdeckt wird.
MAGISTER TEMPLI schließt den Schleier wieder.)
CAPRICORNUS (löscht das Licht.)

MAGISTER TEMPLI: Oh weh! Da ist kein Gott!
(Er kehrt zum Thron zurück. Alle bewegen sich durcheinander und wehklagen laut.)
1* Ruhe! (Alle nehmen ihre Plätze ein.)
Sehet, ich offenbarte es Euch, und Ihr glaubtet mir nicht!
(eine Pause)

TEIL IV

Dunkelheit

AQUARIUS: In Wahrheit, Meister, kann die Zeremonie nicht weitergehen. Es ist kein Gott im Heiligtum.
MAGISTER TEMPLI: Bruder Aquarius, führe eine Suche durch.
AQUARIUS: Bruder Capricornus, führe eine Suche durch.
CAPRICORNUS (Licht an. Er tritt durch den Schleier und geht auf und ab. Er kehrt zurück.
– Licht aus.)
AQUARIUS: Bruder Capricornus, was hast Du gefunden?
CAPRICORNUS: Meister, da ist nichts außer einem Häufchen Asche.
AQUARIUS: Es ist kein lebendes Wesen darin?
CAPRICORNUS: Es ist kein lebendes Wesen darin.
MAGISTER TEMPLI (rezitiert das Poem „Colloque sentimental“ ):

Im uralten, kalten, einsamen Park
Gehen zwei Gestalten – ohne Spuren zu hinterlassen!

Ihre Augen sind tot, ihre Lippen schlaff und grau
Man kann kaum ihre Worte verstehen.

Im uralten, kalten, einsamen Park
Lassen zwei Geister die Vergangenheit aufleben – Horch!

„Erinnerst du dich an unsere vergangenen Ekstasen?“
„Warum erinnerst du mich daran?“

„Schlägt dein Herz immer noch so stark, und glüht, wenn du meinen Namen hörst?
Und siehst du meine Seele in deinen Träumen, Liebste?“ „Nein.“

„Ah! Die lichten Tage der Freude,
Als sich unsere Münder beim Küssen berührten!“ „Mag sein.“

„Wie blau der Himmel war, als wir noch Hoffnung hatten!“
„Die Hoffnung, sie ist zur Hölle gefahren!“

So unterhielten sie sich auf ihren wirren Wegen,
Und nur die Mitternacht lauschte ihren Worten.

AQUARIUS: Meister, es ist nichts geboren worden.
MAGISTER TEMPLI: Mutter des Himmels, laß uns zusammen klagen!
(Er rezitiert Swinburns „The Garden of Proserpine“ :)
MATER COELI (spielt „Légende“ von Wieniawski.)

Hier, wo die Welt zur Rast ist,
Wo alle Unruh kaum
Verspülter Wasser Hast ist,
Zwielichtiger Traum im Traum,
Grünt das Gefild mir näher,
Für Schnittervolk und Säer,
Für Herbstgezeit und Mäher:
Stromwelt von Schlaf und Schaum.

Mir widern alle Tränen,
Und was noch lachen mag,
Und was noch wird mit jenen,
Die säen auf Erntetag;
Mich müden Tag und Stunden,
Blüten, schon brach entbunden,
Sehnsucht, und Lust, und Wunden,
Und alles, außer Schlaf.

Hier nachbart Tod bei Leben,
Und, fern von Aug und Ohr.
Schlaff Wind und Wasser streben,
Schwach steuert Kahn und Chor.
Sie treiben her – was her heißt,
Weiß keiner noch, der herreißt,
Und Wuchs kommt hier nicht vor.

Nicht Wiesenwuchs, nicht Baumwuchs,
Blust nicht des Hags noch Sees,
Nur Mohn in Knospen, Traumwuchs,
Trauben Persephones.
Farblose Binsenhaine,
Kein Blatt, bis auf das eine,
Draus tödlich sie mit Weine
Tränkt, wer noch denkt des Wehs.

Bleich, namenlos, unzählig,
Ins Brachfeld, alt und jung,
Biegt sich’s und schläft allmählich,
bis aller Nacht genug,
Und wie ein Geist, der umgeht,
In Höll und Himmel stumm geht,
Im Dunstkreis, der herumgeht,
Aus Nacht taucht Dämmerung.

Hätt einer Dreier Leben,
Tod harrt sein, daß er ruht, –
Kein Himmel, drin zu schweben,
zu Qual nicht Höllenglut:
Wer Glanz wie Rosen hätte,
Seh wie viel Reiz er rette;
Und gut wie Lieb sich bette,
Am End ist Lieb nicht gut.

Im Tor, bleich, unabwendlich,
Im Blattkranz hat den Stand,
Die einsammelt, was endlich,
Endlos mit kalter Hand.
Ihr langer Mund lockt stärker,
Als Lieb, die flieht den Kerker.
Die sie besuchen, Werker
Allher aus Zeit und Land.

Sie harrt auf All und jeglich
Sie harrt auf was geborn,
Vergißt der Mutter täglich,
Erdfruchtbarkeit voll Korn;
Und Schwalbe, Saat und Monat,
Fliegt zu ihr, die die Kron hat,
Wo Lenzlied hohlen Ton hat,
Und Blume starrt zu Horn.

Dort geht verbrauchtes Lieben,
Wenn’s spürt den müdern Flug,
Mit toter Jahre Stieben
Stiebt ein, was uns erschlug:
Trägheit vertaner Horen,
Blindblust im Schnee erfroren,
Lenzrot, das tot geboren,
Laub, das der Wind abtrug.

Verlaß ist nicht auf Sorgen,
Und Lust heißt, was verdirbt,
Das Heut erliegt vor Morgen,
Zeit höhnt was sie umwirbt.
Und Lieb, schon schwach und schauernd,
Mit Mund nur halb bedauernd,
Seufzt; und ihr Aug, schon lauernd,
Beweint, daß Liebe stirbt.

Von zu viel Lust an Tagen,
Von Wahn und Fürchten frei
Kurz gehen wir Dank zu sagen,
Dem Gott, der immer sei,
Daß kein Aug ewig sehn mag,
Gestorbnes nicht erstehn mag,
Der müdste Strom noch gehn mag,
Und schleppt sich heil zur Bai.

Nicht Sonn noch Stern uns wecken
Noch Wechselndes von Licht,
Die Wasser nicht mehr schrecken,
Kein Ton und kein Gesicht,
Kein Wuchs und Wesen kenntlich
Nicht Tag noch Stunden endlich
Nur schlafen, unabwendlich,
In Ewigem Nacht-und-Nicht.

CAPRICORNUS: Meister, es ist nichts geboren worden!
MAGISTER TEMPLI: Mutter des Himmels, laß uns zusammenarbeiten!
MATER COELI: Betrachte mich als Deine Dienerin!

(MAGISTER TEMPLI und MATER COELI begeben sich zusammen, Hand in Hand, hinter den Schleier. CAPRICORNUS entzündet die Lichter.
MATER COELI spielt einen Paian der Verzweiflung – Wiegenlied: Hauser. MAGISTER TEMPLI erscheint, den Schleier zerreißend, vor dem Altar stehend.)

Oh Melancholie, Brüder, dunkel, dunkel, dunkel!
Oh Schlacht in schwarzen Fluten ohne Boot!
Oh gespenstische Wanderer in unheiliger Nacht!
Meine Seele blutete für euch in diesen sonnenlosen Jahren,
Mit bitteren Blutstropfen, die wie Tränen rannen:
Oh, dunkel, dunkel, dunkel, zurückgezogen von Freude und Licht!

Mein Herz ist krank vor Qual ob eurer Bürde,
Euer Leid war meine Qual; ja, ich verzage,
Ich gehe zugrunde an eurer scheußlichen Unseligkeit.
Und ich habe die Höhen und Tiefen durchforscht, die Weite
Unseres gesamten Universums, mit verzweifelter Hoffnung,
Um irgendeinen Trost für eure wilde Unruhe zu finden.

Und nun letztendlich bring’ ich ein verbürgtes Wort,
bezeugt von jedem lebenden und toten Wesen;
Gute Zeiten voll großer Freude für euch, für alle:
Es gibt keinen Gott; kein Teufel mit heiligen Namen
erschuf uns und foltert uns; falls wir verschmachten müssen,
so um keines Geschöpfes Bosheit zu befriedigen.

Es war die dunkle Täuschung eines Traums,
Dieser lebendige Körper, bewußt and beherrschend,
Verflucht sei er, da er mit Leben uns verflucht;
Verfluchen müssen wir ihn, denn das Leben, das Er gab,
Kann nie in einer Gruft begraben werden,
Nicht getötet werden durch Messer oder Gift.

Diese kleine Leben ist alles, was wir erdulden müssen,
Des Grabes allerheiligster Friede wird ewig sicher sein,
Wir schlafen ein und wachen niemals wieder auf;
Nichts bleibt mehr von uns übrig als verfaulendes Fleisch,
Das in seine Elemente zerfällt, sich erneuernd verbindet
Mit Erde, Luft, Wasser, Pflanzen und anderen Menschen.

Wir werden dies durchbrechen; und unsere elende Rasse
Soll mit ihrem Zyklus enden, und Platz machen
Für andere Lebewesen, mit ihrem eigenen Zeituntergang,
Unendliche Aeonen ehe unsere Art begann;
Unendliche Aeonen, nachdem der letzte Mensch
dem Mammut in der Erde Grab und Schoß gefolgt ist.

Wir beugen uns den Gesetzen des Universums,
Die für den Menschen niemals enthielten eine bestimmte Klausel
Der Grausamkeit oder Freundlichkeit, der Liebe oder des Hasses:
Wenn Kröten und Geier in ihrer Obszönität zu sehen sind,
Wenn Tiger in Schönheit und Größe entflammen,
Ist dies eine Gunst oder der Zorn des Schicksals?

Alle Wesen leben und kämpfen auf immerfort,
In unzähligen Formen beständig im Krieg,
Durch zahllose Wechselbeziehungen miteinander verknüpft:
Wenn jemand an einem bestimmten Tag auf der Erde geboren wurde,
Neigen sich alle Zeiten und Kräfte dieser Geburt zu,
So daß nichts auf der Welt ihn ändern oder hindern kann.

Ich finde keinen Hinweis im gesamten Universum
Von Gut und Böse, von Segen oder Fluch;
Ich finde einzig höchste Notwendigkeit;
Mit unendlichen Mysterien, dunkel wie der Abyss,
Unerleuchtet selbst vom kleinsten Funken,
Für uns die flatternden Schatten eines Traumes.

Oh Brüder des traurigen Lebens! Es ist so kurz;
Wenige kurze Jahre müssen uns die Erlösung bringen:
Können wir diese Jahre des tätigen Atmens nicht bewahren?
Aber wenn du dieses arme Leben nicht vollenden möchtest,
Siehe, du bist frei es zu beenden, wann du willst,
Ohne die Furcht des Bewußtseins nach dem Tode.

(Bläst die roten Lichter aus.)

(Bruder CAPRICORNUS EMISSARIUS rennt mit dem „Tom-Tom“ hinaus und
tanzt wild. Zum Schluß laufen AQUARIUS und CAPRICORNUS zum Schleier und reißen ihn auseinander. Bruder CAPRICORNUS EMISSARIUS wirft sich am Fuße des Altars nieder. Der CHORAGOGE beleuchtet wieder das Salz, oder er entzündet anderes blendendes Licht. Der MAGISTER TEMPLI wird entdeckt, er liegt tot, sein Haupt wird von der weinenden MATER COELI gestützt.)

CAPRICORNUS (löscht die Lichter.)
AQUARIUS (schließt den Schleier.)
MATER COELI (spielt die abschließende hoffnungslose Totenklage. Marche funébre: Waddell.)

(Stille)

AQUARIUS: Was hat die Stunde geschlagen?
CAPRICORNUS: Mittag.
AQUARIUS: Laßt uns fortgehen. Es ist vollbracht.

(Volle Beleuchtung. CAPRICORNUS steht mit gezogenem Schwert vor dem Schleier; die anderen geleiten die Leute hinaus.)



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