Rudolf Steiner Die Dreigliederung des sozialen Organismus, eine Notwendigkeit der Zeit

Es ist an der Zeit, zu erkennen, dass die Parteiprogramme, die sich aus älterer oder jüngerer Vergangenheit in die Gegenwart herein erhalten haben, den Tatsachen gegenüber versagen müssen, welche aus der Weltkriegskatastrophe heraus entstanden sind. Diejenigen dieser Programme, deren Träger mitarbeiten durften an der Ordnung der gesellschaftlichen Zustände, sollte man durch diese Katastrophe für widerlegt halten. Diese Träger sollten sich klar darüber sein, dass ihre Gedanken unzulänglich waren, den Entwicklungsgang der Tatsachen zu beherrschen. Diese Tatsachen sind den Gedanken entglitten und haben in Verwirrung und gewaltsame Entladung hineingetrieben. Dass man streben müsse nach Gedanken, die dem wirklichen Gang der Tatsachenwelt mehr gewachsen sind, das sollte das Ergebnis solcher Erkenntnis sein. Man hat Praxis genannt, was nur engherzige Routine war. Die sogenannten Praktiker hatten sich eingewöhnt in ein enges Lebensgebiet. Das beherrschten sie routiniert. Dieses Lebensgebiet in Zusammenhang zu sehen mit weiteren Lebensumkreisen, dazu fehlte die Neigung und das Interesse. Man war stolz darauf, in seinem engen Lebensgebiete ein «Praktiker» zu sein. Man tat, was die Routine erforderte, und ließ das Getane in die allgemeine Lebensmaschinerie einlaufen. Man kümmerte sich nicht darum, wie es darinnen lief. So lief zuletzt alles durcheinander; und aus dem Tatsachenknäuel entwickelte sich die Weltkatastrophe. Man hatte sich einer «Praxis» ohne beherrschende Gedanken ergeben. Dies war das Schicksal der leitenden Kreise. – Jetzt, da man vor der Verwirrung steht, kann man von den alten Denkgewohnheiten nicht loskommen. Man hat sich gewöhnt, dies oder jenes für «praktisch notwendig» zu halten, und hat den Blick verloren zu durchschauen, wie das «praktisch notwendig» Geglaubte ein innerlich Zermürbtes ist. In der Wirtschaftsordnung der neueren Zeit ist dieses Entgleiten der Tatsachen gegenüber den Menschengedanken am anschaulichsten zutage getreten. Auf diesem Lebensgebiete zeigte sich die innere Zermürbung durch die proletarischsozialistische Bewegung. Innerhalb dieser Bewegung entstand die andere Art von Parteiprogrammen: diejenige, welche aus dem unmittelbaren Erleben des Zermürbten hervorging und entweder kritisch nach Änderung des Hineintreibens in den Wirrwarr verlangte oder von der «Entwicklung» der entfesselten Tatsachen ein Heil erwartete. Diese Programme entstanden theoretisch, aus allgemeinen Menschheitsforderungen heraus, ohne praktisch mit den Tatsachen zu rechnen. Der Praxis, die nur eine Routine war, die Gedanken verachtete, stellten sich die sozialistischen Gedanken entgegen, die eine Theorie ohne Praxis sind. Jetzt, da die Tatsachen ein Eingreifen fruchtbarer, in der Tatsachenwelt selbst lebender Gedanken fordern, erweisen sich diese theoretischen «Gedanken ohne Praxis» als unzulänglich. Und sie werden ihre Unzulänglichkeit immer mehr erweisen, je mehr es nötig werden wird, mit Gedanken ordnend in die Wirklichkeit des verworrenen Lebens der Gegenwart einzugreifen. Gegenüber der Routine ohne Gedanken und den theoretischen Programmen ohne Praxis ist heute bei Menschen,die wirklich praktisch denken wollen, ein guter Wille in einer gewissen Richtung notwendig. Die routinierten, aber doch in Wahrheit unpraktischen Praktiker sollten sich bemühen, einzusehen, dass plan- und gedankenloses Fortwirtschaften aus der Katastrophe nicht heraus-, sondern immer tiefer in sie hineintreiben wird. Man will sich gegenwärtig noch über die Einsicht hinwegbetäuben, dass die Gedankenlosigkeit, die man mit Lebenspraxis verwechselt hat, in die Verwirrung geführt hat. Man hat die Forderer der Gedanken als «unpraktische Idealisten» verachtet und man will nicht zugeben, dass man damit das Allerunpraktischste getan hat. Ja, dass man sich damit als «Idealisten» im allerschlimmsten Sinne erwiesen hat. Auf der anderen Seite, wo die theoretische «Forderung ohne Praxis» herrscht, will man ein menschenwürdiges Dasein für diejenige Menschenklasse erkämpfen, die gegenwärtig sich noch nicht im Besitze eines solchen fühlt. Man sieht nicht, dass man es erkämpfen will ohne wirkliche Einsicht in die Lebensnotwendigkeiten einer sozialen Gesellschaftsordnung. Man glaubt, wenn man sich für die theoretisch erhobenen, aber unpraktischen Forderungen die Macht erkämpft, dann werde man, auch wie durch ein Wunder, herbeiführen können, was man anstrebt. Und wer es mit der Menschheit auch in derjenigen Klasse ehrlich meint, die aus der proletarischen Gedrücktheit diese Forderungen erhebt und die vermeint, in der oben gekennzeichneten Art zum Ziele zu kommen, der muss sich beschäftigen mit der Frage: was soll werden, wenn auf der einen Seite beharrt wird auf Programmen, die durch den Weltgang widerlegt sind, und auf der andern Seite die Macht erkämpft werden soll für Forderungen, die keinen Zugang suchen zu dem, was das Leben selber für eine mögliche soziale Ordnung verlangt? Man ist heute dem Proletariat gegenüber vielleicht gutmeinend, aber man ist nicht objektiv ehrlich, wenn man ihm nicht begreiflich macht, dass die Programme, zu denen es sich bekennt, es nicht zu dem Heile führen, das es erstrebt, sondern zum Untergange der europäischen Kultur, mit deren Untergang sein eigener Untergang besiegelt ist. Man ist heute nur ehrlich gegenüber dem Proletariat, wenn man in ihm Verständnis dafür erweckt, dass es, was es unbewusst anstrebt, nimmermehr mit den Programmen erreichen kann, die es zu den seinigen gemacht hat. Das Proletariat lebt in einem furchtbaren Irrtume. Es hat gesehen, wie in den letzten Jahrhunderten die menschlichen Interessen allmählich ganz von dem Wirtschaftlichen aufgesogen worden sind. Es hat bemerken müssen, wie die Rechtsformen des menschlichen Gesellschaftslebens sich festsetzten aus den wirtschaftlichen Macht- und Bedürfnisformen heraus; es konnte sehen, wie das gesamte Geistesleben, insbesondere das Erziehungs- und Schulwesen sich aufgebaut hat aus den Verhältnissen heraus, die sich aus den wirtschaftlichen Unterlagen und aus dem von der Wirtschaft abhängigen Staate ergaben. In dem Proletariat hat sich der zerstörende Aberglaube festgelegt, dass alles Rechtsund alles Geistesleben naturnotwendig aus den Wirtschaftsformen entsteht. Große Kreise auch von Nichtproletariern sind heute schon von diesem Aberglauben befallen. – Was in den letzten Jahrhunderten als eine Zeiterscheinung sich entwickelt hat: die Abhängigkeit des Geistes- und Rechtslebens vom Wirtschaftsleben, das sieht man als eine Naturnotwendigkeit an. Man bemerkt nicht, was die Wahrheit  ist: dass diese Abhängigkeit die Menschheit in die Katastrophe hineingetrieben hat; und man gibt sich dem Aberglauben hin, dass man nur eine andere Wirtschaftsordnung brauche, eine solche, die ein anderes Rechts- und Geistesleben aus sich selbst hervortreiben werde. Man will nur die Wirtschaftsordnung ändern, statt einzusehen, dass man die Abhängigkeit des Geistes- und des Rechtslebens von der Wirtschaftsform aufheben müsse. Nicht darum kann es sich in dem gegenwärtigen Augenblicke weltgeschichtlicher Entwicklung handeln, eine andere Art der Abhängigkeit des Rechts- und Geisteslebens vom Wirtschaftsleben anzustreben, sondern darum, ein solches Wirtschaftsleben zu gestalten, in dem nur Gütererzeugung und Güterzirkulation sachgemäß verwaltet werden, in dem aber aus der Stellung des Menschen in dem Wirtschaftskreislauf nichts bewirkt wird für seine rechtliche Stellung zu andern Menschen und für die Möglichkeit, die in ihm veranlagten Fähigkeiten durch Erziehung und Schule zur Entfaltung zu bringen. In der abgelaufenen geschichtlichen Epoche waren das Rechtsleben und das Geistesleben ein «Überbau» des Wirtschaftslebens. In der Zukunft sollen sie selbständige Glieder des sozialen Organismus sein neben dem Wirtschaftskreislauf. Die Maßnahmen, die innerhalb des letzteren zu treffen sind, sollen aus der wirtschaftlichen Erfahrung und aus dem Verbundensein der Menschen mit den einzelnen Wirtschaftsgebieten sich ergeben. Assoziationen aus den Berufständen, aus den miteinander verschlungenen Interessen der Produzenten und der Konsumenten sollen sich bilden, die sich nach oben hin zu einer Zentralwirtschaftsverwaltung zuspitzen. Dieselben Menschen, welche dieser Wirtschaftsorganisation angehören, bilden auch eine in bezug auf Verwaltung und Vertretung selbständige Rechtsgemeinschaft, in der alles dasjenige geregelt wird, das in den Urteilsbereich jedes mündig gewordenen Menschen fällt. Da wird auf demokratischer Grundlage alles dasjenige gestaltet, was jeden Menschen zum gleichen gegenüber jedem andern Menschen macht. Innerhalb der Verwaltung dieser Gemeinschaft wird zum Beispiele das Arbeitsrecht (Art, Maß, Zeit der Arbeit) geregelt. Damit fällt diese Regelung aus dem Wirtschaftskreislauf heraus. Der Arbeiter steht im Wirtschaftsleben als freier Vertragschließender denen gegenüber, mit denen er gemeinsam produzieren muss. Über seine wirtschaftliche Mitarbeit an einem Produktionszweig muss wirtschaftliche Sachkunde entscheiden; in bezug auf die Ausnützung seiner Arbeitskraft entscheidet er mit, als mündiger Mensch auf dem demokratischen Rechtsboden außerhalb des Wirtschaftskreislaufes. Wie das Rechtsleben (die Staatsverwaltung) im selbständigen, vom Wirtschaftsleben unabhängigen Rechtsgliede des sozialen Organismus geregelt wird, so das Geistesleben (das Erziehungsund Schulleben) in völliger Freiheit in dem selbständigen Geistesgliede der sozialen Gemeinschaft. Denn so wenig ein gesundes Wirtschaftsleben in eins verschmolzen sein kann mit dem Rechtsgliede des sozialen Organismus, in dem alles erfolgen muss durch die Urteile aller einander gleichstehenden mündig gewordenen Menschen, so wenig kann die Verwaltung des Geisteslebens auf Gesetze, Verordnungen, eine Aufsicht oder dergleichen gestellt sein, die sich aus den Urteilen der einfach mündig gewordenen Menschen ergeben. Das Geistesleben bedarf der Selbstverwaltung, die nur aus menschheitspädagogischen Gesichtspunkten heraus sich gestaltet. Nur in einer solchen Selbstverwaltung können die in einer Menschengemeinschaft veranlagten individuellen Fähigkeiten zum Dienste des sozialen Lebens wahrhaft gepflegt werden. Wer in wirklicher Lebenspraxis die Daseinsbedingungen des sozialen Organismus auf der gegenwärtigen Stufe der Menschheitsentwicklung unbefangen zu prüfen in der Lage ist, kann wohl zu keinem anderen Ergebnis kommen als dem, dass zur Gesundung dieses Organismus dessen Dreigliederung in einen selbständigen Geist-, einen solchen Rechts- und ebensolchen Wirtschaftsunterorganismus notwendig ist. Die Einheit des ganzen Organismus wird dadurch gewiss nicht gefährdet; denn diese Einheit ist in der Wirklichkeit dadurch begründet, dass jeder Mensch mit seinen Interessen allen drei Teilorganismen angehört, und dass die Zentralverwaltungen trotz ihrer Unabhängigkeit voneinander die Harmonisierung ihrer Maßnahmen bewirken können. Dass die internationalen Verhältnisse kein Hindernis bilden, auch wenn nur ein Staat für sich zunächst sich zum dreigliedrigen sozialen Organismus gestaltet, davon soll im nächsten Aufsatz gesprochen werden.

Erstveröffentlichung in: Die Dreigliederung des sozialen Organismus, I. Jg. 1919/20, Heft 1, Juli 1919 (GA 24, S. 15-21)

Quelle